30. April 2010

Verliebt, verlobt, verheiratet!

April 2010


... diesen Blogeintrag habe ich nun schon fast zwei Wochen auf dem Rechner, ohne ihn ins Internet stellen zu können. Das Internet bei Figueroas ist derzeit nicht vorhanden und in meiner Wohnung gibt es noch keins – daher die Verspätung von Eintrag und Bildern. Ich bitte vielmals um Entschuldigung und verspreche in Zukunft pünktlicher zu sein...

Ich weiß nicht genau, ob es an der im Durschnitt viel jüngeren Bevölkerung Argentiniens liegt, an der Spontanität der Latinos, an einer erhöhten Pheromone-Produktion durch außergewöhnliche Umwelteinwirkung oder es einfach nur der Zufall ist: Innerhalb der 6 Wochen, die ich mittlerweile in Córdoba bin, fanden im näheren Bekanntenkreis 8 Hochzeiten statt!!! Zu fünf davon wurden wir eingeladen und tatsächlich besucht haben wir nur drei, wegen Terminüberschneidungen und weil es außerdem auch eine ganze Menge Geld bedeutet. Man bezahlt hier nämlich Eintritt für die Hochzeit und bringt natürlich außerdem auch ein Geschenk mit.

Die erste Heirat vollzog sich in einem Städtchen ca. 30 km abseits von Córdoba, die Zweite (Hochzeit von Tabea Ex-Vögelin) in Córdoba und die Dritte (Matthias Vögelin und Juli)wieder außerhalb. Für mich waren vor allem die ersten beiden Hochzeiten ungewöhnlich und sehr verscheiden zur deutschen Art zu heiraten, die mir eher vertraut ist. Damit ihr euch einigermaßen vorstellen könnt, welche Elemente grob eine argentinische Hochzeit bestimmen hier eine allgemeine Einführung.

Üblicherweise beginnt die Feier am späten Nachmittag oder am Abend mit der standesamtlichen Trauung. Dazu finden sich alle Gäste schon dort ein, wo später auch weitergefeiert wird. Weil man davon ausgeht, dass ohnehin alle zu spät kommen wird für ebendieses Einfinden reichlich Zeit eingeplant und der tatsächliche Beginn mit dem Einzug der Braut findet eine gute Stunde später statt, als die Einladung bekannt gibt.

Nach einer recht unspektakulären zivilen Zeremonie, bei der vor allem Rechte und Pflichten der Ehegatten vorgelesen werden und hoffentlich beide dem Vertragsabschluss zustimmen, folgt die krichliche Trauung. Ein Ältester, Pastor oder anderweitig autorisierter Bruder im Herrn hält eine Predigt. Dann geben sich die Brautleute das (freiformulierte) Eheversprechen und stecken sich die Ringe an. Gemeindegesang ist nicht vorgesehen und auch sonstige Einlagen wie Musikstücke oder Lieder gehören schon zum Bonusprogramm.

Direkt anschließend (das heißt, kaum haben sich Braut und Bräutigam von ihren Stühlen erhoben und dem Gästepulk zugewendet) geht es zur Beglückwünschung. Eine Sache, die die Argentinier sehr herzlich und spontan durchführen. Anstatt einer ordentlichen Anstellschlange und Händedruck werden die Brautleute von Menschenmassen umringt, angetippt, hergezogen, stürmisch umarmt und um der unbändigen Freude Ausdruck zu verleihen, kann durchaus auch mal der Bräutigam in die Luft geworfen werden.

Alles in allem dauert dies ca. eine bis zwei Stunden – je nach Redeeifer des Predigers und Beglückwünschungsdrang der Gäste – so dass es mit dem Abendessen spät wird, d.h. ab 22.00 Uhr oder später. Gewöhnlich reicht man einige Häppchen, kalte Platten oder Getränke vorher, damit die Geladenen aushalten bis zum Abendessen. Nach dem Hochzeitsmahl kann der Abend von verschiedenartigem Programm und Musik gestaltet werden und so wird der glückliche Gast gut bis zum Sekt und Tortenanschnitt (und damit der Eröffnung des süßen Buffets mit bappigen Kuchen, in Zuckerwasser getränkten Häppchen und Pralinees aus künstlich schmeckender Schokolade) unterhalten.

Die Feierlichkeit endet üblicherweise in den frühen Morgenstunden mit dem Abschied der Brautleute. Dann lösen sich auch die Gästemengen auf. Erstaunlicherweise halten auch ältere Herrschaften und Kinder ziemlich lange durch – es muss wohl die Gewohnheit zu sein, ich war nämlich bei allen Hochzeiten schon ab 12 ziemlich müde...
Anhand dieser allgemeinen Einführung in argentinische Hochzeitsbräuche kann ich euch jetzt leichter erzählen, wie jede einzelne Hochzeit vonstatten ging.

Die Erste war diejenige, die mir am wenigsten gefiel. Anstatt der üblichen Startzeit um fünf oder sechs Uhr nachmittags begann die qualitativ bescheidene Trauzeremonie nachts um halb elf. Die Ratschläge des Predigers waren meiner Meinung nach fehl am Platze, es wurden zwei Lieder mit Sägestimme vorgetragen und die versammelte Gemeinde wollte einfach nicht zur Ruhe kommen, da zwei Drittel der Leute stehen mussten und die Kinder müde und misslaunig wurden. Das Abendessen ließ ungewöhnlich lange auf sich warten – erst um halb zwei bekamen wir das Hauptgericht vorgesetzt. Möglicherweise war es ganz lecker, ich konnte das Grillhähnchen mit Pommes und Mayonaise um diese Uhrzeit aber nicht wirklich genießen. Neben der Uhrzeit verdarb mir auch ein ca. 65 jähriger Folkloresänger den Appetit, der mit Inbrunst schmachtende Liebeslieder in sein Mikro schmetterte. Außerdem rückte mir mein Sitznachbar (nicht Cristian, der auf der anderen Seite) zu Leibe und näherte sich unter dem Tischtuch mit seinen Knien den meinigen an... grrrrrrrrr!

Als dann zu den Bildern der standesamtlichen Trauung (die in diesem Fall nicht mit dem Gottesdienst zusammen, sondern einen Tag vorher durchgeführt wurde) Elton Johns „Sorry seams to be the hardest word“ erklang, war die Hochzeit für mich untendurch. Weil wir einen langen Heimweg hatten und beide froh um diese Entschuldigung waren um schon früher verschwinden zu können, verließen wir das Restaurant fluchtartig um halb vier. Was für eine Erleichterung, als dieses Fest endlich überstanden war.

Tabea und Misa haben es sehr geschickt angestellt, um an ihrer Hochzeit das Feiern bis in die Nacht und teures Essen für die ganze Hochzeitsgesellschaft zu vermeiden: Sie begann nämlich schon vormittags um 11:00 Uhr. Die Feier fand auf einem schönen Clubgelände mit großzügigem Park statt, in dem ein kleiner Baldachin für die Trauzeremonien aufgebaut war. Bei strahlendem Sonnenschein, blitzeblauem Himmel und angenehmen 25 Grad gaben sich Tabea und Misael das Versprechen fürs Leben. Die beiden Trauungen wurden in einem Rutsch hintereinander durchgeführt und nur vom Liedbeitrag zwei durchaus gesegneter Stimmen getrennt.
Nach Trauung, Reisregen und Glückwünschen ging es ans Mittagessen. Nachdem keine Hochzeitstafel oder festen Sitzplätze vorgesehen waren (für die ca. 300 Gäste gab es ca. 50 Sessel und Bänke) musste auch das Essen gut im Stehen verzehrbar sein. Das Menü bestand aus Semmel mit Mayonaise und Fleisch von gebratener Haxe, dazu Limo oder Cola.

Im Anschluss wurde im großen Saal das Programm vorgeführt. Ein Freund von Misa trat als Clown auf, eine Gruppe sang „ You’ll be in my heart“ (Phil Collins), die Familie zeigte Bilder und Misa hatte zu diesem Anlass mit seinen Freunden ein lustiges Video gedreht das abgespielt wurde. Befreundete Musiker aus der Gemeinde rundeten den Nachmittag mit Folklore ab und gestalteten damit den Rahmen für Kaffee aus Styroporbechern mit Pulvermilch und Keksen, die wieder im Freien eingenommen wurden.
Das Brautpaar verabschiedete sich um 17:30 Uhr, als das Brautauto vorfuhr – ein Oldtimer, scheint wohl Tabeas Traum gewesen zu sein, wenn ich das richtig verstanden habe. Damit endete diese Hochzeit schon sehr früh. Ich fand es schade – eigentlich ist die Hochzeit doch das größte Fest im Leben, oder? Das muss man doch ausnutzen! Aber gut, jeder feiert wie’s ihm gefällt...

Juli und Matthias legten ihr Fest auf den allgemein üblichen Zeitpunkt und fingen um 17.00 Uhr mit der Feier an. Vor der kirchlichen Trauung wurde ein kurzes Video abgespielt, in dem die Beiden vom Beginn ihrer gemeinsamen Geschichte erzählten, danach hielt Thomas Vögelin die Traupredigt. Die Idee vor der Trauung vom Anfang der Beziehung zu erzählen fand ich sehr schön – es macht die Sache irgendwie rund. Alle haben einen kleinen Einblick in die Geschichte, die dem Fest vorausging und es ist doch auch immer interessant, wie sich das Paar kennengelernt hat, nicht wahr?

Nach dem formellen Teil gings ans Essen. Die Vorspeise (kalte Platten und Suppe) wurden im Park gereicht, Essen mit Blick auf See, Musik im Hintergrund und Sonnenuntergang...hmmmmmm!Hauptgang (Asado) und Nachspeise wurden im Saal eingenommen, umrahmt von verschiedenen Programmbeiträgen. Juli spielte ein Stück auf dem Saxophon, Matsi sang ein Lied, ein paar Freunde machten ein Spiel und die Familie Vögelin steuerte Bilder und Schweizer Musik bei. Für meinen Geschmack war diese Hochzeit die Schönste, alles hatte seine Ordnung, seinen Rahmen und die nötige Würde einer Hochzeitsfeier (von den stürmischen Grüßen mal abgesehen). Vor allem durch den Ort der Feierlichkeit konnte Eindruck schinden – direkt am See auf einer Landzunge mit Steilufer, großem gepflegten Park und ansehnlichem Saal. So lässt es sich feiern!

Ich hoffe ich kann bald die Fotos einstellen. Damit alle Damen kritische Urteile über Bräute und Kleider bilden, einige Herren vielleicht die Bräutigämer (ist das die richtige Mehrzahl?) beneiden und alle Weltbereiser sich ein neues Reiseziel stecken können...

bilder april

16. April 2010

Home, sweet Home!


Wie viele von euch wissen, konnte ich bislang bei Cristians Eltern Unterschlupf finden. Ich bin sehr dankbar für die herzliche Aufnahme, die sie mir in ihrem Haus bieten. Trotz der guten Fürsorge und allen Bequemlichkeiten die mir hier geboten werden war es nicht so gedacht, dass ich das ganze Jahr bei den Figueroas wohne. Daher waren Cristian und ich schon ab der zweiten Woche meines Aufenthalts im Viertel unterwegs um eine geeignete Unterkunft für mich zu finden.

Mittlerweile sind fast vier Wochen verstrichen, seit dem ich die Wohnung besichtigt und den Mietvertrag für mein neues Heim unterschrieben habe. Das Appartement ist ca. 40 m² groß und hat auf den ersten Blick einen recht guten Eindruck gemacht. Eine geräumige Wohnküche, ein etwas kleineres aber durchaus ausreichendes Schlafzimmer mit angrenzendem Bad, Einbauwandschrank, Heizkörper, Küchenzeile mit Gasherd, große helle Fenster und eine günstige Miete – was will man mehr?
Leider war mein erster Blick kein besonders Kritischer, so dass ich bei einem zweiten genaueren Hinschauen (nach dem Unterschreiben des Vertrages...) dann so manchen Mangel bemerkte. Aus einem offenen Rohr in der Wand schoss bei geöffnetem Kaltwasserhahn ein Wasserstrahl hervor, Spül- und Waschbecken tropften aus den Rohren, der Herd war vor lauter Rost nicht zu gebrauchen, ein Wasserschaden hinter der Tür hatte den Gips und die Farbe gesprengt, der Durchlauferhitzer schaltete sich zwar an, aber nicht wieder aus, den Holzboden im Schlafzimmer zierte ein großer Fettfleck, die Zimmerdecken hatten vermutlich noch nie einen Maler gesehen und in einem der Fenster war das Glas gebrochen. Zugegebenermaßen war ich bei der Besichtigung nicht argwöhnisch genug, als der Makler sich damit begnügte einen Fensterladen zu öffnen und die Wohnung so im Dämmerlicht zu präsentieren.
Aber dank einem Besuch von Cristians diskussionsfreudigem Vater im Maklerbüro schickte mir die Immobiliengesellschaft nach nur 1 ½ Wochen Wartezeit einen Handwerker, der sich der Mängel annahm während ich aus Leibeskräften die Wohnung putzte. Mit jedem Türchen das ich bewegte und in jeder Ecke, die ich genauer betrachtete fand ich mehr Dreck. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie man eine Wohnung so hinterlassen, aber noch viel weniger wie man darin wohnen kann! Ich würde wirklich sehr gerne die Vormieter sehen und mir ein Bild davon machen können, wer diesen Saustall zu verantworten hat... Meine erste Investition in die Wohnung waren folglich Putzmittel, Chlor, zahlreiche Lappen, Bürsten und Schwämme aller Art, Besen, Eimer, Schrubber, Bodenwachs und Insektengift – für alle Fälle. Bisher habe ich zwar noch keine sechs- bzw. achtbeinigen Mitbewohner gefunden, bevor sie sich aber willkommen fühlen räucherte ich vorsorglich das Appartement mit Gift ein. Man kann ja nie wissen...
Eine weitere Woche nahm das Streichen in Anspruch, da meine lieben Vormieter nach Informationen meiner Nachbarin zufolge bei Nacht gestrichen hatten. Sie müssen wohl auch die Augen zugemacht haben, anders ist nicht zu erklären, dass an manchen Stellen fünfmal und an anderen gar nicht gestrichen wurde und sämtliche Steckdosen, Tür- und Fensterrahmen und Bodenleisten angemalt waren. Ich war sehr froh um Cristians Unterstützung beim Streichen. Zu zweit waren wir vier Tage mit Malern beschäftigt. Ich dachte während des Streichens an die vielen Male, die wir zuhause mit Freunden gemeinsam bei Umzügen geholfen und gestrichen haben und in kürzester Zeit die Arbeit getan war. Es geht doch alles viel schneller und mit mehr Vergnügen von der Hand, wenn man zu mehreren ist...
Nachdem jetzt sämtliche undichten Rohre geflickt, der Herd entrostet, der Boden gefegt geschrubbt gewischt gewachst und gewienert, das Bad gechlort, die Toilette geputzt und mit neuem Sitz versehen, die Fenster ganz und sauber, die Wände gestrichen und alle Gasverbraucher gerichtet sind und ordnungsgemäß funktionieren kann ich endlich ans Einziehen denken. Mein Mobiliar ist noch sehr spartanisch, aber das wird sich mit der Zeit schon noch ändern. Immerhin habe ich Tisch, Bett und Stühle – das reicht zum Schlafen und Essen. Und einmal eingezogen kann ich dann in Ruhe alles zusammen suchen, was ich so zum Leben brauche. Dank zwei lieben Paketen von daheim habe ich sogar eine Kuchenbackform, Kochbuch und eine Spritztülle - also: herzliche Einladung zum Kuchenessen!

Hier die Adresse für alle ernsthaft Interessierten:

Barbara Häusler
Sol de Mayo 284
Torre del sol - Depto 1°A
5003 Córdoba Capital
ARGENTINA