27. August 2010

Asado und die Schlappe mit dem Toastbrotlappen - Argentinische Kost auf dem Prüfstand


Wie gut oder schlecht das Essen in einem Land ist, bemerkt man gleich auf den ersten Biss. Argentinien konnte bei mir diesbezüglich einen sehr guten ersten Eindruck machen. Als ich im Februar 2009 das erste Mal hier war, wurde ich von Figueroas gleich mit einem Asado und gegrillten Fleischspießchen erwartet. Mir läuft noch heute beim Gedanken daran das Wasser im Munde zusammen. Dabei ist das hochgelobte Asado nur der Hauptrepresentant eines bunten und leckeren Speiseplans, der sich vor allem aus einheimischen Nahrungsmitteln zusammensetzt: Rindfleisch, Hühnchen, Lamm und Zicklein auf der Fleischkarte, Kartoffeln und Mais unter den Beilagen und eine Unmenge an Gemüse jeglicher Art zur Bereicherung jedes Menüs.

Nichtsdestotrotz ist das Asado das Kronjuwel des argentinischen Gourmets. Mit nichts als Salz gewürzt besticht es durch zarten Geschmack und mürbe, auf der Zunge zergehende Konsistenz. Die verschiedenen Fleischstücke werden am Stück zubereitet, soll heißen gegrillt, um dann am Tisch aufgeschnitten und heiß serviert zu werden. Selbstverständlich ist nie alles gleichzeitig fertig, so dass man eine gute Stunde lang damit beschäftigt ist, die frisch angekommenen noch bruzelnden Köstlichkeiten zu vertilgen. Asadokenner trinken dazu einen feinen Wein aus Mendoza und halten sich mit Salaten und Brot zurück, so dass mehr Platz für das Asado an sich bleibt.



Ebenfalls international bekannt und beliebt sind die sogenannten „Empanadas“ (gebackene oder frittierte Teigtaschen mit verschiedenen Füllungen), die auch aus Mexiko bekannten „Fajitas“ oder „Tortillas“ (Maismehlfladen mit verschiedenen Fleisch- und Gemüsefüllungen und Saucen) oder auch das an kalten Wintertagen gut wärmende „Locro“ (schmackhafter Kichererbseneintopf). Ein typisches Essen besteht fast immer aus einer guten Portion saftigen Fleisches (das Angus-Rindfleisch und Patagonien-Schaf ist nicht umsonst für seinen Geschmack berühmt und weltweit exportiert) auf buntem Gemüsebouquet, dazu wird Brot gereicht und im besten Fall trinkt man Wein. Mit einem solchen Gericht kann man nichts falsch machen – wenn die zubereitende Person und Küche sauber sind. Noch ein Wort zur Hygiene: wer sich Sorgen um schlechte Hygienezustände macht ist mit der Bestellung eines Asado am Besten bedient. Da wird alles gut durchgebraten und im Zweifelsfall kann man davon ausgehen, dass des Kochs Ehrgefühl als richtiger Argentinier ihm die Zubereitung eines schlechten Asado verbietet.

Auch das Obstbuffet kann sich sehen lassen. Dank der großen Ausdehnung des Landes gibt es Früchte jeder Art aus eigener Produktion. Birnen, Äpfel, Zwetschen und Trauben aus Mendoza, Pfirsiche, Aprikosen, Nüsse und Feigen aus Córdoba, Erdbeeren, Orangen, Zitronen und Kirschen aus dem Chaco und die ganze Palette von Tropenfrüchten aus Misiones im Norden, wo Argentinien an den subtropischen Urwald angrenzt. Nur die Sauerkirschen vermisse ich hier schmerzlich, wenn ich eine richtige Schwarzwälder Kirschtorte machen will....


Etwas eigenwilliger wird der Speiseplan wenn man sich in Richtung Norden, bzw. Gebiete mit Menschen aus Abstammung der indianischen Urbevölkerung begibt. Mit freundlichem Lächeln aus zahnlosem Mund überreichte man mir dort das „Tamal“, das Cristian mutig bestellt hat. Ein Tamal ist ein Knödel aus Maisschrot mit Fleisch-Zwiebel-Kartoffel-Füllung und wird in den Blättern des Maiskolbens gekocht.


Es schmeckt eigentlich nicht schlecht, allenfalls irgendwie leer mangels Gewürzen. Trotzdem bin ich ganz froh, dass das nicht meine tägliche Ernährung bestimmt...


Halten wir also fest: das typisch argentinische Essen (sagen wir mal ab der Kolonialisierung, um die Indianerkost etwas außen vor zu lassen) ist wirklich gut. Alle Lebensmittel kann man roh und naturbelassen kaufen, um sie dann nach eigenem Gusto zuzubereiten. Davon mache ich gerne Gebrauch und esse wirklich gut – und gar nicht sooo anders als daheim.

Schwieriger wird es mit dem Qualitätsurteil, wenn man sich auf solche Gerichte bezieht, die hier zwar massenhaft angeboten werden, aber eigentlich nicht heimisch sind. Wenn man sich zum Beispiel auf ein gutes (Schweine-)Schnitzel freut, ist die hiesige „Milanesa“ – ein paniertes und totfrittiertes Beafsteak – ein Enttäuschung. Auch die italienische Küche kann nicht mit wirklich italienischen Standarts mithalten. Pizzen werden schon vorgefertigt gekauft (nix mit hausgemachtem Boden!), mit Tomatenscheiben, Oliven, Weichkäse und obendrauf (!) Schinken belegt und einem satten Schuss Olivenöl übergossen. Genauso wie den Pizzen fehlen auch der Pasta die Saucen. Wenn man obendrein so wie ich aus einem Haushalt mit saucenreicher schwäbischer Küche kommt, vermisst man bisweilen eine gewisse feucht-flüssige Komponente auf dem Teller. Trotz allem ist aber auch die Migrantenküche genießbar – nicht so der Fast-Food-Fraß von den Nachbarn in den USA...

Damit wären wir beim kulinarischen Fiasko meines Gastlandes angelangt. Das angebotene Fast-Food ist von den Qualitätsansprüchen halbwegs seriöser Ernährungswissenschaftler, Diätassistenten oder gar Feinschmeckern weit weg. Um nicht zu sagen fernab von Gut und Böse. Trotzdem erfreut es sich einer unglaublichen Nachfrage und antwortet seinerseits mit großem Angebot – eins schlimmer als das Andere.
Mc Donalds und BurgerKing mit ihren internationalen Standarts stellen dabei noch die beste Alternative dar. Die Auswahl ist ziemlich ähnlich wie bei uns. Sogar mein Lieblings-Mäcci-Burger Royal TS wird verkauft - unter dem aussagekräftigen Namen "Mac-nificant".... Die Qualität der zur Herstellung verwendeten Nahrungsmittel ist aber meiner Meinung nach nicht so gut wie bei uns.

Den nächstbesten Platz belegt das "Lomito". Lomitos sind Sandwiches aus hausgemachtem oder Baguettebrot, mit gebratenem Schinken, Beaf, Ei, Salat, Tomate, Saucen und Olive. In Restaurants werden meistens Pommes dazu gereicht. Diese Sandwiches sind ganz ok, in wenigen ausgewählten Lokalen sogar richtig gut. Kein Vergleich zum Rangniedrigsten im Bereich Fast-Food - dem Miga.

Das sogenannte „Miga“ – Sandwich verkörpert den absoluten Worstcase in diesem Sortiment. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Sandwich aus 2mm-dünnem, randlosen Toastbrot, angereichert mit einer Schicht Mayonaise, gekochtem Schinken und Schmelzkäse. Dieses Kleinod schlechten Geschmacks verkauft sich in 30x30cm Lappen, stets zu dreien in Plastiktüten verpackt und ist in jedem gut sortierten Kiosco zu erstehen. Die 270 cm² Miga verzehrt man anschließend kalt und vervollständigt die wertvolle Mahlzeit mit einem halben Liter Cola oder Pepsi.

Wie man meiner Beschreibung vielleicht schon am Unterton entnehmen kann, finde ich diese Art zu essen einfach unmöglich. Es ist schrecklich zu sehen, wie die Leute auf der Straße sich das Miga reinschlabbern – man kann wegen der Konsistenz des Sandwichs fast nicht anders sagen... Manchmal habe ich den Eindruck, dass das ganze Land auf einen Schlag von allen (guten und schlechten) Produkten der reichen Staaten im Nachbarkontinent und der alten Welt überschwemmt wurde. So als hätte man eine riesige Flasche Coca Cola über Lateinamerika vergossen. Umd die Latinos, hungrig nach dem so verlockenden Lebensstil, eifern fleißig dem großen Vorbild nach. Denken, der Wohlstand bestünde darin Cola zu trinken, Miga zu essen, in den ersten beiden Wochen des Monats das ganze Gehalt auszugeben und dann auf Pump zu leben. Das Handbuch zu all diesem „neuen“ Luxus scheint wohl nicht mitgeliefert worden zu sein. Und so verfettet die argentinische Bevölkerung im kopflosen Konsum von Cola, Sandwich, Ketchup und Mayo, Pommes, Muffins und Marshmallows...

Um also zu guter Letzt in wenigen Worten zu meinem Urteil über die hiesige Esskultur, bzw. –möglichkeiten zu kommen, hier eine kurze Zusammenfassung:

1. Asado, Empanadas und Gerichte aus frischen landestypischen Zutaten in einer sauberen Küche zubereitet: sehr lecker! Am besten mit Wein genießen und viel Hunger mitbringen.

2. einfache bis gehobene Migrantenküche: gut, aber nicht so gut wie dort wo sie herkommt, in ausgewählten Lokalen aber durchaus lecker

3. Fast-Food: im Mc Donalds fast das gleiche Angebot wie bei uns, aber mangelhaftere Zutaten, reichhaltige Sandwiches („Lomitos“, Baguettebrot, Beafsteak, Ei, Salat, Tomate, Saucen) kann man essen – in wenigen ausgewählten Lokalen sogar ziemlich gut;

Miga: durchgefallen!!!!!!!!!!!!

8. August 2010

Jujuy


Alles hat eine Ende auf dieser Welt – so auch mein Studentenvisum für Argentinien. Die Erneuerung ist – zumindest in der Theorie – ganz einfach. Entweder im Migrationsamt 300 Pesos bezahlen und den Pass stempeln lassen oder aus- und wieder einreisen. Das war mir persönlich die liebere Variante, wo ich ja in jedem Fall 300 Pesos lassen muss – so oder so. Ich überzeugte also Cristian eine Reise an eine der argentinischen Grenzen zu unternehmen.

Wegen den Schneefällen in den Anden wurde der Pass nach Chile gesperrt, weshalb wir unsere Route nach Bolivien planten. Dort gibts keinen Hochpass, keinen Schnee und keine Gefahr für ungewisse Zeit auf der anderen Seite der Grenze warten zu müssen bis man wieder passieren kann. Wir suchten uns also Busverbindungen und Hostels und mit gepac kten Rucksäcken gings dann am 29. Juli los. Abends um halb neun verließen wir (zusammen mit Cristians Mutter, die schon immer mal den Norden Argentiniens kennenlernen wolle) Córdoba in Richtung San Salvador de Jujuy.

Jujuy liegt im Nordwesten Argentiniens und stößt an Chile und Bolivien. Es ist von den Vorläufergebrigen der Anden bestimmt, die gen Norden hin stetig ansteigen. Im Gegensatz zum subtropischen Nordosten herrscht dort wüstenähnliches Klima. Trockenheit und die Höhe gestalten dort eine eindrucksvolle Steppenlandschaft: Mit verschiedensten Farbvariationen im Gebirgsgestein, interessanten Felsformationen durch Wind und Wasser und einer sehr spezialisierten Flora und Fauna, die sich nur durch ihre hervorragende Anpassung an die extremen Bedingungen am Leben erhalten kann. Nur einmal pro Jahr gibt es Wasser im Überfluss. Dann grünt und blüht alles, es brechen aber auch Stein- und Schlammlawinen los und die Flusstäler, die das ganze Jahr über trocken und gefahrlos waren, verwandeln sich in kräftige Ströme. Tagsüber brennt erbarmungslos die Sonne über den fast schattenlosen Gipfeln und weitgestreckten Hochebenen, während die Temperaturen nachts abfallen und sich mit dem sternübersäten klaren Himmel auch klirrende Kälte ausbreitet. Mit zunehmender Höhe wird auch die Luft immer dünner. Wer hier arbeiten oder sich viel bewegen möchte, braucht starke Lungen und einen kräftigen Kreislauf.

Zunächst machten wir in Purmamarca halt. Schon der Weg dorthin hielt schöne landschaftliche Ansichten bereit. Hinter jeder Kurve änderte sich die Gesteinsfarbe. Es tauchten immer andere Tiere und Häuschen auf und die Straße wand sich mehr und mehr in das aus der Ferne verschlossen wirkende Gebirge. Als wir nach 14 Stunden Busfahrt in Purmamarca ankamen, war ich ziemlich müde. Eigentlich hatte ich geplant im Bus zu schlafen, aber ich wollte die Aussicht nicht verpassen und konnte daher kein Auge zutun. Trotzdem war in Purmamarca dann an Schlaf nicht zu denken – schließlich wollten wir ja die Landschaft und den Ort genießen.

Purmamarca ist ein Touristenmagnet wegen seinem siebenfarbigen Berg, der sich direkt hinter dem Dörfchen erhebt. Neben dem wirklich beeindruckenden Farbspiel der verschiedenen Gesteinschichten rings umher ist die Naturbelassenheit des Dorfes eine Attraktion für sich. Die erdfarbenen, rot bestäubten Häuser schmiegen sich harmonisch in ein Tal zwischen mehreren hohen Gipfeln und scheinen aus längst vergangenen Zeiten übrig geblieben zu sein. Es gibt keinen grell beleuchteten Supermarkt, keine großen Anzeigetafeln vor den Geschäften, keine asphaltierten Straßen, keine Betonmauern, keine modernen Glas-Stahl-Klotz-Bauten und scheinbar keine Einflüsse aus einer anderen Welt als nur der, die schon immer in diesem Tal ihre Heimat hatte. Die Argentinier die dort leben, unterscheiden sich stark von den Bewohnern Córdobas. Man sieht sehr deutlich den indianischen Einfluss in den breiten Gesichtern mit hohen Wangen und pechschwarzem, glattem Haar. Der erste Magnet für uns war der Marktplatz im Dorfzentrum, wo die Einwohner Strickwaren aller Art verkaufen. Kaum aus dem Bus ausgestiegen steht man schon inmitten der bunten überladenen Verkaufstische. Gladys und ich waren fasziniert von den vielen Sachen, die auf großen Tischen ausgebreitet den Touristen das Geld aus der Tasche locken sollten. Pullover, Schals, Mützen, Handschuhe, Tücher, Decken, aus Lama-, Alpaka- und Vicuñawolle, Kästchen und Bilderrahmen aus Kaktusholz, Felle, Lederwaren, Tongeschirr, Silberschmuck,... alles kann man zu Spottpreisen erstehen. Ich konnte ganz gut an mich halten und machte keine Großeinkäufe. Irgendwie sind die Indiomuster und –farben nicht so ganz mein Stil. Gladys hielt sich aber nicht zurück und füllte ihr Reisegepäck mit Wollwaren für die ganze Familie auf. Cristian kaufte nur einen kleinen Vorrat an Cocablättern um bei der Weiterreise über höhere Regionen gegen die Höhenkrankheit gewappnet zu sein.

Abends wollten wir es uns nicht nehmen lassen den Sternenhimmel zu sehen, obwohl es ab Sonnenuntergang schon ziemlich kalt wurde. Wir stiegen also nach dem Abendessen auf einen nahe gelegenen Hügel, um von dort aus die Sterne zu beobachten. Oben angekommen musste ich erstmal kräftig durchschnaufen und meinen Herzschlag wieder normale Frequenzen annehmen lassen. Man merkt bei Anstrengung eben doch, wie einem dort oben schneller die Luft knapp wird. Der Aufstieg lohnte sich aber auf jeden Fall! Wir konnten sechs Sternschnuppen sehen und waren von der Menge und Klarheit der Sterne absolut überwältigt! Ich habe noch nie so einen Sternenhimmel gesehen!

Am Freitagmittag führte unser Weg nach Tilcara. Dort besichtigten wir ein Inkadorf, das aus archäologischen Funden rekonstruiert wurde. Vor Ankunft der Kolonialherren regierten die Inka dort in einem gut organisierten System das sich über ganz Südamerika erstreckte. Als dann die Spanier kamen, hatten die aber vor allem am Gold Interesse und räumten daher die Dörfer und Schatzkammern leer. Obwohl das Pulcara (Inkadorf) als Befestigungsanlage gebaut wurde konnte es den Feuerwaffen, Kanonen und Pocken nicht standhalten und seine Bewohner nicht vor der Invasion schützen. Wir besuchten in einem Blitzdurchgang das Pulcara, das dazugehörige Museum mit den historischen Funden, den einheimischen Markt (der aber eigentlich die gleichen Sachen hatte wie der von Purmamarca) und den botanischen (Kaktus-)Garten. Dann fuhr auch schon der Verbindungsbus nach La Quiaca ab und wir mussten schleunigst zurück zum Busbahnhof. Ich fand es aber gar nicht so schade, dass wir nur so kurz dort waren. In Tilcara ist es voll von Touristen, alles ist teurer und der Ort kann mit dem Charme Purmamarcas nicht mithalten.

Der Weg nach La Quiaca an der argentinisch-bolivianischen Grenze führt über die Hochebene Abra Pampa und steigt langsam aber stetig an. Die Busfahrt war zeitweise eine wahre Herausforderung für Nerven und Magen, weil die unbarmherzige Sonne den Bus je länger desto mehr aufheizte und mit zunehmender Wärme die Gerüche im Bus immer stärker und immer unangenehmer wurden. Es roch nach Schweiß, nach mangelnder Hygiene (darauf scheint man im Norden wohl weniger Acht zu nehmen), nach Coca, Essen und verbrauchter Luft. Wirklich kein Vergnügen, wenn man vier Stunden Fahrt unter diesen Umständen aushalten muss. Die Landschaft war aber überwältigend. Auch dort oben änderten sich immer wieder die Gesteinsfarben, hin und wieder überquerten wir ein Flusstal und anstatt der sonst für Argentinien typischen Rinderherden grasten Lamas die spärliche Vegetation ab.

In der Grenzstadt La Quiaca kamen wir erst nach Sonnenuntergang an und fuhren vom Busbahnhof direkt mit einem Taxi zum Hostel, weil Cristians Mama (die im Gegensatz zu uns während der Busfahrt nicht vorbeugend Coca kauen wollte) plötzlich ziemlich schlecht beieinander war. Ihr war kalt und schlecht, sie hatte Kopfschmerzen, Bluthochdruck und Herzrasen – Höhenkrankheit eben. Im Hostel konnte sie sich dann hinlegen und Cocatee trinken. Cristian und ich machten uns derweil auf um irgendwo ein Abendessen zu finden. Es war gar nicht so einfach, weil die Jujeños alle viel früher ins Bett gehen. Um 21.00 Uhr ist da niemand mehr auf der Straße und alle Lokale geschlossen. Zudem hatte es in dieser Nacht -10° C, so dass auch der letzte Vagabund sich von der Straße zurückzog und wir ziemlich einsam durch die nächtlichen Gassen streiften. Zu guter Letzt ließ sich aber dennoch ein sehr annehmbares Hamburger-Restaurant finden und wir konnten unsere knurrenden Mägen im wahrsten Sinne des Wortes stillen :-)

Am 01. August war es dann tatsächlich so weit – mein Visum lief ab. Deshalb überquerten wir vormittags ohne Schwierigkeiten die bolivianische Grenze ins benachbarte Villazón. Die natürliche Grenze bildet ein brauner, zähfließender Fluss der sich aus Abflussrohren speist und zwischen Müllbergen seinen Weg sucht. Demensprechende Gerüche steigen daraus auch auf. Das war mein erster Eindruck von Bolivien. Dreckig, müllig, stinkend und unfreundlich. Man merkt, dass die Bolivianer die Argentinier nicht leiden können. Und man merkt, dass Bolivien nochmal mindestens eine Entwicklungsstufe hinter Argentinien zurück ist. Mir sind verschiedene Dinge aufgefallen:
- Alle Frauen tragen Röcke, meistens mehrere weite Wollröcke übereinander was sie irgendwie alle dick aussehen lässt. Ich bin nicht schlüssig geworden ob die Bolivianierinnen wirklich alle dick sind, oder nur die Kleidung sie so erscheinen lässt.
- Alles ist dreckig. Gegen die Straßen von Villazón erscheint Córdoba eine vorbildlich aufgeräumte, saubere und gepflegte Stadt, auch wenn sie das nach deutschem Verständnis ganz gewiss nicht ist. Ich war entsetzt von den Müll- und Exkrementhaufen (die Frauen mit den weiten Röcken tragen keine Unterwäsche und verrichten ihr Geschäft auf der Straße sitzend - unter den Röcken verborgen - wo sie es dann einfach liegen lassen. Ist das Werk vollendet, stehen sie auf und gehen weg.) in den Straßen und der Tatsache, dass kein einziger Mülleimer aufgestellt war.
- Alle essen das Gleiche. Es gab getrocknetes Fleisch, ein gekochtes Ei und eine rote Sauce, alles zusammen in einem Plastikschälchen eingepackt. Wirklich jeder dritte Verkäufer hatte so ein Schälchen in der Hand und stopfte sich mit sonnen- und schmutzgebräunten Händen dieses „Frühstück“ in den Mund.

Weil Bolivien keinen besonders guten Eindruck bei mir hinterlassen konnte will ich darüber gar nicht mehr viel weiter schreiben. Bei der Wiedereinreise nach Argentinien erhielt ich den wertvollen Stempel im Pass, der mir drei weitere Monate Aufenthalt erlaubt. Von der Migrationsbehörde an der Grenze mussten wir eilends zum Busbahnhof um unseren Bus zurück nach San Salvador zu erwischen. Glücklicherweise kamen wir noch rechtzeitig an. Die Rückfahrt nach Córdoba nahm ganze 18 Stunden in Kauf, weil wir einmal von der Gendarmerie aufgehalten und kontrolliert wurden. Dafür wurde der ganze Bus ausgeräumt, inklusive Hand- und Reisegepäck. Wegen des Drogenschmuggels werden viele Kontrollen durchgeführt – wir haben es mit einem Stop noch ganz gut erwischt, man kann bis zu viermal aufgehalten werden...

Als wir am 2. August um halb 9 morgens dann endlich wieder in Córdoba angelangt waren, konnten bei mir zunächst gar keine so richtigen Geburtstagsgefühle aufkommen. Ich war ziemlich müde und wollte zunächst nichts anderes als eine Dusche. In La Quiaca konnten wir uns im Hostel nämlich nicht duschen, weil die Wasserleitung eingefroren war. Nachdem ich aber in meiner schönen eigenen Wohnung mit sauberem Bad eine heiße Dusche genommen und allen Reisestaub und –stress abgespült hatte, konnte ich mich wie ein Geburtstagskind fühlen. Ich packte voller Freude die lieben Geburtstagspäckchen von daheim aus (von meiner Oma, meiner Mama und meiner Schwesterin) und musste immer wieder dem Kloß im Hals entgegenschlucken als ich die herzlichen Briefe las. Vielen herzlichen Dank nochmals auch an dieser Stelle – wie schön, dass ihr an mich gedacht habt! Später feierten wir noch ein bisschen mit Cristian und seiner Familie.

Alles in allem war ich abends dann sehr zufrieden mit meinem Geburtstag und natürlich mit der Reise! Gott sei Dank ist uns nichts passiert, nichts verloren oder geklaut worden und wir konnten zu dritt die Zeit sehr genießen. Jetzt überlegen wir schon wohin es dann in drei Monaten gehen soll, wenn mein Visum mal wieder erneuert werden muss ;-)