Wie gut oder schlecht das Essen in einem Land ist, bemerkt man gleich auf den ersten Biss. Argentinien konnte bei mir diesbezüglich einen sehr guten ersten Eindruck machen. Als ich im Februar 2009 das erste Mal hier war, wurde ich von Figueroas gleich mit einem Asado und gegrillten Fleischspießchen erwartet. Mir läuft noch heute beim Gedanken daran das Wasser im Munde zusammen. Dabei ist das hochgelobte Asado nur der Hauptrepresentant eines bunten und leckeren Speiseplans, der sich vor allem aus einheimischen Nahrungsmitteln zusammensetzt: Rindfleisch, Hühnchen, Lamm und Zicklein auf der Fleischkarte, Kartoffeln und Mais unter den Beilagen und eine Unmenge an Gemüse jeglicher Art zur Bereicherung jedes Menüs.
Nichtsdestotrotz ist das Asado das Kronjuwel des argentinischen Gourmets. Mit nichts als Salz gewürzt besticht es durch zarten Geschmack und mürbe, auf der Zunge zergehende Konsistenz. Die verschiedenen Fleischstücke werden am Stück zubereitet, soll heißen gegrillt, um dann am Tisch aufgeschnitten und heiß serviert zu werden. Selbstverständlich ist nie alles gleichzeitig fertig, so dass man eine gute Stunde lang damit beschäftigt ist, die frisch angekommenen noch bruzelnden Köstlichkeiten zu vertilgen. Asadokenner trinken dazu einen feinen Wein aus Mendoza und halten sich mit Salaten und Brot zurück, so dass mehr Platz für das Asado an sich bleibt.
Ebenfalls international bekannt und beliebt sind die sogenannten „Empanadas“ (gebackene oder frittierte Teigtaschen mit verschiedenen Füllungen), die auch aus Mexiko bekannten „Fajitas“ oder „Tortillas“ (Maismehlfladen mit verschiedenen Fleisch- und Gemüsefüllungen und Saucen) oder auch das an kalten Wintertagen gut wärmende „Locro“ (schmackhafter Kichererbseneintopf). Ein typisches Essen besteht fast immer aus einer guten Portion saftigen Fleisches (das Angus-Rindfleisch und Patagonien-Schaf ist nicht umsonst für seinen Geschmack berühmt und weltweit exportiert) auf buntem Gemüsebouquet, dazu wird Brot gereicht und im besten Fall trinkt man Wein. Mit einem solchen Gericht kann man nichts falsch machen – wenn die zubereitende Person und Küche sauber sind. Noch ein Wort zur Hygiene: wer sich Sorgen um schlechte Hygienezustände macht ist mit der Bestellung eines Asado am Besten bedient. Da wird alles gut durchgebraten und im Zweifelsfall kann man davon ausgehen, dass des Kochs Ehrgefühl als richtiger Argentinier ihm die Zubereitung eines schlechten Asado verbietet.
Auch das Obstbuffet kann sich sehen lassen. Dank der großen Ausdehnung des Landes gibt es Früchte jeder Art aus eigener Produktion. Birnen, Äpfel, Zwetschen und Trauben aus Mendoza, Pfirsiche, Aprikosen, Nüsse und Feigen aus Córdoba, Erdbeeren, Orangen, Zitronen und Kirschen aus dem Chaco und die ganze Palette von Tropenfrüchten aus Misiones im Norden, wo Argentinien an den subtropischen Urwald angrenzt. Nur die Sauerkirschen vermisse ich hier schmerzlich, wenn ich eine richtige Schwarzwälder Kirschtorte machen will....
Etwas eigenwilliger wird der Speiseplan wenn man sich in Richtung Norden, bzw. Gebiete mit Menschen aus Abstammung der indianischen Urbevölkerung begibt. Mit freundlichem Lächeln aus zahnlosem Mund überreichte man mir dort das „Tamal“, das Cristian mutig bestellt hat. Ein Tamal ist ein Knödel aus Maisschrot mit Fleisch-Zwiebel-Kartoffel-Füllung und wird in den Blättern des Maiskolbens gekocht.
Es schmeckt eigentlich nicht schlecht, allenfalls irgendwie leer mangels Gewürzen. Trotzdem bin ich ganz froh, dass das nicht meine tägliche Ernährung bestimmt...
Halten wir also fest: das typisch argentinische Essen (sagen wir mal ab der Kolonialisierung, um die Indianerkost etwas außen vor zu lassen) ist wirklich gut. Alle Lebensmittel kann man roh und naturbelassen kaufen, um sie dann nach eigenem Gusto zuzubereiten. Davon mache ich gerne Gebrauch und esse wirklich gut – und gar nicht sooo anders als daheim.
Schwieriger wird es mit dem Qualitätsurteil, wenn man sich auf solche Gerichte bezieht, die hier zwar massenhaft angeboten werden, aber eigentlich nicht heimisch sind. Wenn man sich zum Beispiel auf ein gutes (Schweine-)Schnitzel freut, ist die hiesige „Milanesa“ – ein paniertes und totfrittiertes Beafsteak – ein Enttäuschung. Auch die italienische Küche kann nicht mit wirklich italienischen Standarts mithalten. Pizzen werden schon vorgefertigt gekauft (nix mit hausgemachtem Boden!), mit Tomatenscheiben, Oliven, Weichkäse und obendrauf (!) Schinken belegt und einem satten Schuss Olivenöl übergossen. Genauso wie den Pizzen fehlen auch der Pasta die Saucen. Wenn man obendrein so wie ich aus einem Haushalt mit saucenreicher schwäbischer Küche kommt, vermisst man bisweilen eine gewisse feucht-flüssige Komponente auf dem Teller. Trotz allem ist aber auch die Migrantenküche genießbar – nicht so der Fast-Food-Fraß von den Nachbarn in den USA...
Damit wären wir beim kulinarischen Fiasko meines Gastlandes angelangt. Das angebotene Fast-Food ist von den Qualitätsansprüchen halbwegs seriöser Ernährungswissenschaftler, Diätassistenten oder gar Feinschmeckern weit weg. Um nicht zu sagen fernab von Gut und Böse. Trotzdem erfreut es sich einer unglaublichen Nachfrage und antwortet seinerseits mit großem Angebot – eins schlimmer als das Andere.
Mc Donalds und BurgerKing mit ihren internationalen Standarts stellen dabei noch die beste Alternative dar. Die Auswahl ist ziemlich ähnlich wie bei uns. Sogar mein Lieblings-Mäcci-Burger Royal TS wird verkauft - unter dem aussagekräftigen Namen "Mac-nificant".... Die Qualität der zur Herstellung verwendeten Nahrungsmittel ist aber meiner Meinung nach nicht so gut wie bei uns.
Den nächstbesten Platz belegt das "Lomito". Lomitos sind Sandwiches aus hausgemachtem oder Baguettebrot, mit gebratenem Schinken, Beaf, Ei, Salat, Tomate, Saucen und Olive. In Restaurants werden meistens Pommes dazu gereicht. Diese Sandwiches sind ganz ok, in wenigen ausgewählten Lokalen sogar richtig gut. Kein Vergleich zum Rangniedrigsten im Bereich Fast-Food - dem Miga.
Das sogenannte „Miga“ – Sandwich verkörpert den absoluten Worstcase in diesem Sortiment. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Sandwich aus 2mm-dünnem, randlosen Toastbrot, angereichert mit einer Schicht Mayonaise, gekochtem Schinken und Schmelzkäse. Dieses Kleinod schlechten Geschmacks verkauft sich in 30x30cm Lappen, stets zu dreien in Plastiktüten verpackt und ist in jedem gut sortierten Kiosco zu erstehen. Die 270 cm² Miga verzehrt man anschließend kalt und vervollständigt die wertvolle Mahlzeit mit einem halben Liter Cola oder Pepsi.
Wie man meiner Beschreibung vielleicht schon am Unterton entnehmen kann, finde ich diese Art zu essen einfach unmöglich. Es ist schrecklich zu sehen, wie die Leute auf der Straße sich das Miga reinschlabbern – man kann wegen der Konsistenz des Sandwichs fast nicht anders sagen... Manchmal habe ich den Eindruck, dass das ganze Land auf einen Schlag von allen (guten und schlechten) Produkten der reichen Staaten im Nachbarkontinent und der alten Welt überschwemmt wurde. So als hätte man eine riesige Flasche Coca Cola über Lateinamerika vergossen. Umd die Latinos, hungrig nach dem so verlockenden Lebensstil, eifern fleißig dem großen Vorbild nach. Denken, der Wohlstand bestünde darin Cola zu trinken, Miga zu essen, in den ersten beiden Wochen des Monats das ganze Gehalt auszugeben und dann auf Pump zu leben. Das Handbuch zu all diesem „neuen“ Luxus scheint wohl nicht mitgeliefert worden zu sein. Und so verfettet die argentinische Bevölkerung im kopflosen Konsum von Cola, Sandwich, Ketchup und Mayo, Pommes, Muffins und Marshmallows...
Um also zu guter Letzt in wenigen Worten zu meinem Urteil über die hiesige Esskultur, bzw. –möglichkeiten zu kommen, hier eine kurze Zusammenfassung:
1. Asado, Empanadas und Gerichte aus frischen landestypischen Zutaten in einer sauberen Küche zubereitet: sehr lecker! Am besten mit Wein genießen und viel Hunger mitbringen.
2. einfache bis gehobene Migrantenküche: gut, aber nicht so gut wie dort wo sie herkommt, in ausgewählten Lokalen aber durchaus lecker
3. Fast-Food: im Mc Donalds fast das gleiche Angebot wie bei uns, aber mangelhaftere Zutaten, reichhaltige Sandwiches („Lomitos“, Baguettebrot, Beafsteak, Ei, Salat, Tomate, Saucen) kann man essen – in wenigen ausgewählten Lokalen sogar ziemlich gut;
Miga: durchgefallen!!!!!!!!!!!!
Fotos kommen noch.
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