März, April, Mai – schon drei Monate in Argentinien! In fünf Tagen würde mein Touristenvisum ablaufen. Glücklicherweise hat das mit dem Studentenvisum trotz aller Bürokratie im Migrationsamt funktioniert. Damit ist mein legaler Aufenthalt noch bis 1. August gesichert.
Eigentlich habe ich nicht viel zu berichten, weil ich weder große Abenteuer unternehme, noch meine Lebensumstände sich geändert haben. Mein Alltag plätschert nach wie vor in aller Ruhe und Gemütlichkeit vor sich hin. Ich gehe Montag und Dienstag jeweils drei Stunden in die Uni und habe sonst frei, da sich noch keine Arbeit gefunden hat. Die Wohnung ist mittlerweile in einem ganz guten Zustand, sauberer und ordentlicher als meine Mutter mir in Anbetracht meines Zimmers daheim immer prophezeit hat (vielleicht genau deshalb – ich muss ja schließlich das Gegenteil beweisen ;-) ). Meinen Nachbarn konnte ich immer noch nicht dazu bewegen, dass er sein Versprechen wahr macht, mir das Passwort für sein W-LAN mit exzellentem Empfang in meiner Wohnung zu geben. Daher gibt es auch nach wie vor noch keine Bilder im Blog und ich bin mit meinen Emails im Verzug.
Die meiste meiner vielen Zeit verbringe ich mit Cristian - wenn nicht gerade das 200-jährige Jubiläum und der Nationalfeiertag anstehen, so wie das vergangene Wochenende. Da ist die Polizeikapelle natürlich voll beschäftigt. Sonst haben wir aber viel gemeinsame Zeit, zum Spazieren gehen, Eis essen, ins Kino gehen, Einkäufe machen, Auto richten, musizieren, Deutsch üben, in die Gemeinde gehen, angeln, wandern, ausreiten, Kaffee trinken, und so weiter. Nach dem Jahr, das wir fast nur geskypt oder telefoniert haben, genieße ich die allereinfachsten Sachen die wir zusammen machen können. Eine Fernbeziehung ist halt nicht das Gleiche wie zusammen an Ort und Stelle zu sein...
Auch die Uni zapft einiges an Stunden, obwohl ich nur zwei Fächer habe. Beim studieren merke ich aber, dass bei mir das Spanisch eben doch noch nicht sooo selbstverständlich geht wie das Deutsche.Wir haben ziemlich viele Texte zu lesen, die Ausdrucksweise an der Uni ist eine Andere als im Alltag und es fällt mir schwerer mir Inhalte und Zusammenhänge zu merken die ich auf Spanisch gelernt habe. Irgendwie bleiben die einfach nicht so gut im Kopf, wie wenn ich etwas auf deutsch studiere... In zwei Wochen steht die erste Teilprüfung in Sozialmanagement an – ich hoffe, dass ich bestehe. Meine Professorin hat mir ganz freundlich eine private Fragestunde angeboten, die ich bestimmt in Anspruch nehmen werde.
Auch mein kleiner Haushalt fordert seine Zeit. Ich wohne zwar alleine und mache daher nicht viel Dreck, aber ich will die Wohnung auf keinen Fall zu dem gleichen Saustall verkommen lassen, den meine Vormieter hinterlassen haben. Sie ist spartanisch, aber ausreichend ausgerüstet – hier und da fehlen noch einige komfortable Details, im Großen und Ganzen lebe ich aber sehr gut. Der nächste Luxus, den ich mir anschaffen werde, ist eine neue Matratze (bisher habe ich einen Schaumstofflappen, der mir jede Nacht Rückenschmerzen beschert) und ein Duschvorhang, um nicht bei jeder Dusche das ganze Bad zu fluten.
Was ich hier sehr schätzen gelernt habe, ist die deutsche Küche. Das Essen hier ist zwar gut, aber oft das Gleiche. Es gibt eigentlich immer Mais, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Kürbis und Rindfleisch – auf verschiedene Arten zubereitet und unterschiedlich zusammengestellt, aber doch stets sehr ähnlich. Reis ist eher selten, festes knuspriges Brot unbekannt und von Milchspeisen weit und breit keine Spur. Auch das gute alte Schweinefleisch ist schwerer zu bekommen und taucht folglich weniger auf dem täglichen Speiseplan auf. Umso besser, dass ich jetzt meine eigene Küche und als Ergänzung Omas Kochbuch habe! Ich habe schon mehrere Kuchen, Hefegebäck und Mittagessen für meine Schwiegerfamilie gemacht, die jedesmal ganz begeistert davon waren. Und ich genieße es, ein Stückchen Heimat zwischen die Zähne zu bekommen.
Das ruhige Leben, das ich jetzt habe, ist der absolute Kontrast zum vergangenen Semester mit all seinen To Do’s. Jetzt habe ich Zeit im Überfluss, während ich im November, Dezember und Januar nicht mehr wusste, wie ich die ganze Arbeit innerhalb der Zeit bewältigen sollte. Ohne Zweifel ist es eine sehr angenehme Sache so gemütlich vor sich hinzuleben, fast ohne Verpflichtungen und Termine. Ich merke aber auch, dass mir das Nichtstun nichts taugt und es die absolut sinnvollere Variante ist, über längere Zeit gleichmäßig zu arbeiten, als alles auf einmal und danach nichts mehr zu machen. Obwohl man so länger ohne Pause arbeitet ist es bestimmt gesünder, als von einem Extrem ins Andere zu geraten. Und abgesehen davon merke ich jetzt, dass ich gerne gut beschäftigt bin. Das liegt mir eher als das ruhige Leben mit Siesta, Ausschlafen und Dauerferien.
Die Wochenenden verbringen wir oft in den Bergen. Erst gestern abend sind wir nach einem wunderschönen langen Wochenende (wegen der Nationalfeiertage an Montag und Dienstag) wieder nach Córdoba zurück gekommen. Mit Melanie, Cristians Schwester, waren wir Ausreiten. Cristian hat mich in den Gebrauch des Luftgewehrs eingewiesen und wir machten Zielübungen auf Unkrautfrüchte und Flaschendeckel. Ich ziele gar nicht mal so schlecht! Am Sonntag war der Geburtstag von Cristians Mutter, der natürlich mit einem ordentlichen Asado gefeiert wurde.
Ich war sehr erstaunt von dem schönen Wetter, schließlich sind wir schon im Herbst. Wir konnten den ganzen Tag kurzärmlig draußen sein, barfuß gehen und sogar ein bisschen braun werden. Der Mai hier entspricht unserem November, und im November ist in Deutschland nicht an kurze Ärmel zu denken! Die Sonnentage im Mai sind in Argentinien schon zur festen Redewendung geworden. Daher auch der Name der Strasse, in der ich wohne: Sol de Mayo. Diese Maisonne konnte ich am Wochenende in vollen Zügen geniessen.
Die Wärme hat aber auch ihren Preis, denn wo es warm ist, gibt es auch die entsprechenden Tierchen. Als ich am Montag einen schönen weißen Stein aufhob – glücklicherweise mit der gebührenden Vorsicht – störte ich leider einen Skorpion in seiner Siesta. Er hatte sich genau diesen Stein als Schlafplatz auserkoren und war sehr beleidigt, als er sich plötzlich samt seinem Ruhebett 1,50 m oberhalb der Erde und in der prallen Sonne befand. Er hob den Stachel in Angriffsposition und krabbelte eifrig über den Stein, den ich schnell fallen ließ. Cristian brachte eine Plastikdose mit Deckel, in der wir den ca 2,5 cm großen Skorpion zur Beobachtung einsperrten. Ich bin wirklich froh, den Stein so vorsichtig aufgehoben und genau betrachtet zu haben – die Viecher sind nämlich giftig und können bis zu tödlichen Stichen geben! (http://de.wikipedia.org/wiki/Skorpione) Sie gehören zur Familie der Spinnentiere, von denen es hier auch viele andere Exemplare gibt.
Cristian hatte vor zwei Wochen eine schwarze Witwe im Ärmel (die wir rechtzeitig töteten, bevor sie zustechen konnte) und aus dem Brennholz kam vor einigen Tagen eine Handteller große, behaarte Tarantel gekrabbelt. Auch in meiner Wohnung hatte ich eine achtbeinige Mitbewohnerin von stolzen 4 cm Größe, die aber laut Cristian nicht sooo giftig war. Ich habe sie trotzdem vorsichtshalber gründlich eingegast und mit einem giftgetränkten Lappen das Kabelrohr verschlossen, in das sie sich bei meinem Gasangriff verkrochen hatte. Wenn sie schon nicht tot ist, kann sie wenigstens nicht mehr raus.
Na gut, ich verabschiede mich von euch, um meinen Nachbarn noch vor der Siesta zu erwischen und einmal mehr um sein Passwort zu bitten – würde ihm ja eigentlich auch nutzen, schließlich zahle ich dann die Hälfte seiner Rechnung ... diese Argentinier... Nach wie vor hoffe ich, bald mit Fotos dienen zu können. Eine Schande, wie weit ich im Verzug bin!
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