18. Januar 2011

Alles hat ein Ende...

Liebe Freunde und Verwandte,

mein Argentinienaufenthalt neigt sich stark dem Ende zu und bereits in wenigen Tagen werde ich so Gott will wieder deutschen Grund betreten. Bevor ich aber wieder daheim bin, möchte ich doch noch in einigen Sätzen erzählen, wie meine letzten Wochen hier von statten gingen.

Dezember - Januar


Im Dezember erhielt ich eine unerwartet milde Probe davon, was Advent, Weihnachten und Jahreswechsel in Argentinien bedeutet. Mild, weil ich eigentlich damit gerechnet hätte von Kitsch überflutet zu werden, aber dann erstaunt feststellte, dass sich doch alles ziemlich in Grenzen hält. Alles heißt dabei aber auch wirklich alles.
Eine bewusste Adventszeit so wie bei uns, mit Kerzchen, Kränzen, Weihnachtskalendern und so weiter gibt es hier nicht. Die Zeit vor Weihnachten geht eher still und unbemerkt vorüber. Am offensichtlichsten ist es bei der Dekoration. Die hält sich bis Mitte Dezember in einer kaum wahrnehmbar kleinen Menge und blinkt, leuchtet, klingelt oder singt lang nicht so stark wie bei uns. Typische Weihnachtsbäckereien gibt es auch nicht, außer dem sogenannten Pan dulce – so eine Art italienischer Pannetone – aber das kauft man beim Bäcker, anstatt sich selber zur Advents- und Weihnachtsbäckerei in die Küche zu stellen. Also fällt auch der Plätzchenstress weg, dem sich unsereins in den kalten Vorweihnachtswochen gerne mit viel Eifer hingibt. Das große Jagen und Sammeln der Geschenke findet vor allem in der Weihnachtswoche statt. Vom 20. bis zum 24. Dezember um 14.00 Uhr konnte man kaum einen Fuß ins Stadtzentrum oder Einkaufscenter setzen, weil sie mit kaufwütigen Geschenkesuchern vollgestopft waren. Zugegebenermaßen ist das bei uns aber auch nicht viel anders, obwohl man oft schon von Anfang September an über einfallsreiche Geschenke für die Lieben grübelt…

Trotzdem musste ich gewisse adventliche und weihnachtliche Freuden nicht missen, da meine Eltern mir mit viel Mühe und Liebe ein großes 10 kg Adventspaket geschickt haben. Was für eine Freude, als da gefüllte Lebkuchenherzen, Strohsterne, Weihnachtskalender, ein Adventskranz, Kerzen, Zimtsterne, selbstgemachte Plätzchen und Schokolade im Überfluss zum Vorschein kamen!!! Für Cristians Familie hatten viele dieser Dinge natürlich überhaupt nichts mit Weihnachten zu tun und ich musste den traditionellen Hintergrund jedes einzelnen Gegenstandes erklären. Bei Schokolade und Plätzchen gabs nicht viel zu sagen, die verschwanden ziemlich schnell auch ohne große Erklärung in den Mägen : -) Inspiriert von den unerwarteten Adventsgrüßen machte ich mich dann auch ans Plätzchen backen. Immerhin vier Sorten brachte ich zustande, die innerhalb von zwei Wochen komplett weggefuttert waren….

Weihnachten habe ich bei Cristians Familie gefeiert. Es gab abends ein großes Asado mit der ganzen Familie, inklusive Onkel, Tanten und Chousins mit Anhang. Um zwölf begann das Feuerwerk – hier wird nämlich nicht nur an Neujahr, sondern auch an Heilig Abend geschossen. Danach gabs dann noch Geschenke, allerdings nicht für alle, weil die Putzfrau von Cristians Mutter die Tüten mit den Geschenken zum Müll rausgestellt hat. Der Müll war natürlich schon lange abgeholt bis Gladys von dem Ungeschick ihrer Angestellten erfuhr. Ihr könnt euch bestimmt vorstellen, was da für eine Stimmung aufkam. Und bis zum heutigen Tag bestehen noch Zweifel, ob die Tüten tatsächlich im Müll, oder nicht eher doch auf dem Bescherungstisch der besagten Angestellten endeten…

Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk konnte mir aber keiner nehmen – nämlich dass meine Eltern, Rebekka und Gina am 27. Dezember hier in Argentinien landeten um mich zu besuchen. Ich hab mich riesig gefreut, nach so langer Zeit mal wieder jemand von daheim um mich zu haben. Wir verbrachten ein paar schöne Tage in Córdoba, in denen ich meine Umgebung hier zeigen konnte und mein Besuch ein bisschen von der Stadt kennenlernte. An Sylvester fuhren wir zusammen ins Campo, wo wir mit Figueroas den Jahreswechsel feierten und die 10 Tage bis zur Abreise der Eltern mit Ausflügen, Poolnachmittagen, Ausritten, Asados und Siestas verbrachten. Nach dem Abschied meiner Familie, der mir zugebenermaßen nicht schwerfiel in Anbetracht der Tatsache, dass ich in zwei Wochen nachkomme, blieb ich mit Gina noch vier Tage in Córdoba. Wir machten Stadtbummel, Touristeneinkäufe, Kino- und Cocktailabende und ich konnte kurzfristig noch zwei Interviews für mein Projekt arrangieren. Das kommt mir sehr gelegen, weil ich sonst einen schweren Kampf mit der Hochschule um die Anerkennung meines Praktikums in Argentinien vor mir gehabt, ihn wahrscheinlich verloren und dann nochmal 2 statt einem Jahr zu studieren hätte. Also bin ich sehr froh, dass es mit den Interviews doch noch klappt.

Am Freitag letzte Woche verließen wir die Bruthitze der Stadt um Victoria, eine Freundin aus meiner Gemeinde hier und ihre Familie in einem schönen Bergdorf zu besuchen. La Cumbre heißt das Kaff und liegt mitten in den Bergen, auf einer Hochebene zwischen verschiedenen Flüssen und Wäldchen. Der Ort besteht aus vielen großen Wohnhäusern, zum Teil richtige Schlösschen im europäischen Stil. Früher war dort nämlich die Kolonie der englischen Eisenbahningenieure, die sich an dem höchsten Punkt der Gleisstrecke niederließen und ihre Residenzen bauten. Abgesehen von dem besonderen Zauber der märchenhaften Gebäude ist auch das Klima dort oben viel angenehmer als in Córdoba. Es weht immer ein frisches Lüftchen und nachts kühlt es angenehm ab, während die Luft in der Stadt steht und man nachts vor Hitze kaum schlafen kann. Gina und ich genossen die vier Tage Bergurlaub in vollen Zügen, zusammen mit Victoria, ihrer Familie und einigen anderen Freunden. Wir unternahmen verschiedene kleine Ausflüge zum Baden, in die Berge, zum See und zum Fluss und verbrachten so ruhige und entspannte Tage in Zeltlagerstimmung, wegen der vielen Leute.

Heute mussten wir leider schon wieder heim nach Córdoba, weil ich morgen die Interviews habe und dafür eine jeweils dreistündige An- und Rückfahrt notwendig ist. Schade, ich wäre gerne noch ein Weilchen in La Cumbre geblieben…
Für den Rest der Woche ist, von den Interviews und der damit zusammenhängenden Reise abgesehen, vor allem der Abbau meiner Wohnung geplant. Ich muss noch streichen, ein paar Lampen ersetzen, putzen und mein Zeug zusammenräumen. Meinen Kühlschrank und meine Matratze kauft mir Cristians Mutter ab, sämtliche Küchenutensilien schenke ich ihr und alles andere hat sie mir von vorneherein geliehen. Ich muss also immerhin nicht irgendwelche Möbel weiterverscherbeln und auch die Wohnung nicht abgeben, bevor ich abfliege. Das macht Cristian dann wenn ich schon weg bin. Ich habe also noch bis zum letzten Tag meine eigenen vier Wände :-)

Zu all der organisatorischen und Renovierungsarbeit kommt natürlich auch der persönliche Abschied, der mir ehrlich gesagt schwerer fällt als ich dachte. Es scheint, als würde erst jetzt wo ich gehe klar werden, was ich den Leuten oder die Leute mir bedeuten. So hat mir ein Mädel aus dem Hauskreis erst nachdem sie heute die Einladung zur Abschiedsfeier bekommen hat mir in Facebook geschrieben, dass sie mich vom ersten Moment an sehr gern mochte und es total schade findet, dass ich schon gehe. Solche Töne habe ich das ganze Jahr über nicht von ihr gehört. Aber auch ich merke, dass ich zum Beispiel die Familie bei der wir am Wochenende waren im Lauf des Jahres wirklich ins Herz geschlossen habe und es mir leid tut sie nicht mehr zu sehen. Mal sehen, wie lang die „Wir bleiben in Kontakt“-Versprechen halten…
Aber nicht nur von den Leuten fällt mir der Abschied schwer, sondern auch vom Land an sich. Trotz manchem kritischen Blick und einigen Missständen habe ich auch viele Dinge entdeckt, die ich mit der Zeit liebgewonnen habe. Eins davon ist der dauerblaue Himmel, aber auch die Landschaften, die Gerüche, die Sprache, die Menschen und die Gesellschaft an sich, das Essen, manche Umstände und Gewohnheiten… Ich versuche mich schon gedanklich auf die kulturelle Umstellung vorzubereiten, aber ich befürchte dass mir das nur sehr bedingt gelingt. Bitte habt einfach ein bisschen Geduld mit mir, bis ich mich dann wieder an unser schönes, kompliziertes, kaltes, ordentliches Deutschland gewöhnt habe.

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