Der Juni ging für mich wahnsinnig schnell vorbei. Angefangen hat er mit meiner ersten Prüfung in der Uni, argentinisches Sozialmanagment (würg!). Übrigens eine Sache, die hier vorne und hinten nicht funktioniert... Glücklicherweise ist die Klausur sehr gut verlaufen. Ich habe gut bestanden und blicke nun den kommenden Prüfungen (Anfang und Ende Juli) sehr viel zuversichtlicher entgegen.
Und direkt danach war sie auch schon da: die langersehnte Weltmeisterschaft! Das ganze Land fieberte schon Monate lang diesem großen Event entgegen. So als ob bald Weihnachten wäre und alle Erwachsenen (vor allem die Männer!) sich in ungeduldige, hibbelige kleine Kinder verwandeln, die es schon nicht mehr erwarten können bis es endlich endlich losgeht.
Ich war wirklich überrascht von dem WM-Eifer, der sich von Tag zu Tag mehr ausbreitete. An sämtlichen Kreuzungen großer Straßen verkaufen die Scheibenwischerjungs, Rosenanpreiser und Straßenjongleure Argentinientrikots, Plastiktröten, Autofähnchen, Flaggen und „güldene“ Weltmeisterschaftspokale und an jedem der zahlreichen Hochhäuser hängt mindestens eine Argentinienflagge aus einem Fenster. Die Angestellten von Supermärkten und Tankstellen haben sich schon längst in weiß-blaue Clowns mit scheußlichen Klingelfilzhüten verwandelt, während seriösere Geschäfte die Namensschildchen ihrer Kundenbetreuer mit argentinienfarbigen Schleifchen dekorieren. Es wurde sogar ein neues Fußballgeschäft eröffnet, das den bezeichnenden Namen „Der Tempel des Fußballs“ trägt. Jede Fernsehwerbung verfügt über mindestens eins der folgenden Elemente: Fußball, Fußballrasen, Messi, Argentinienflagge, südafrikanische Gesänge. Wirklich unglaublich, dass man damit Autos, Autoreifen, Fernseher, Schuhe, Handys, Cola, Antipilzcreme, Reisen, Versicherungen, Waschmittel oder Joghurt bewerben kann...
Dass die Werbung greift, beweisen aber die Verkaufszahlen. Der Verkauf von Plasmafernsehern ist so stark angestiegen (90.000 allein in Córdoba!!!), dass innerhalb weniger Wochen sämtliche Lagerbestände aufgekauft waren. Dass die stolzen Fernsehbesitzer dafür bis zu 7 Jahre lang ihre 86 Raten abbezahlen scheint sie nicht weiter zu stören. Abgesehen von den Plasmas rührt sich aber in diesen WM-Tagen wenig in der argentinischen Wirtschaft. Während der Spiele ist kaum jemand auf der Straße. Selbst das so beliebte Shoppingcenter bei mir um die Ecke ist leer, wenn die Südafrikaübertragung startet. Die Leute kaufen viel weniger, geben kaum Geld zum Ausgehen aus – weil sie sich ja schließlich kaum aus dem Fernsehsessel erheben – und arbeiten (noch) weniger.
Nach den Spielen beginnen sich die Straßen wieder zu füllen – war es gar ein erfolgreiches Argentinienspiel wird ordentlich in der Fußgängerzone und auf großen Plätzen gefeiert. Mit Bier, Fahnen, selbstverständlich alle im Trikot, Chinaböllern, Sandwich- und Eisbuden und bisweilen sogar einem kleinen Freudenfeuerchen in der Gosse.
Wie das Spiel angeschaut wird, konnte ich bei den Figueroas miterleben. Seltsamerweise gibt es kein Public Viewing. Ich würde das ja hundertmal einem Plasmabildschirm vorziehen, wegen der Größe, der Kostenlosigkeit und vor allem wegen dem Feierfeeling, das doch mit vielen Anderen viel besser ist... Naja, sowas gibts hier nunmal nicht. Daher werden die Spiele im Kreis der Familie auf der heimischen Mattscheibe mitverfolgt. Das tut der Begeisterung und Spannung allerdings keineswegs Abbruch. Den verrücktesten Satz habe ich bei einer solchen Gelegenheit von Cristians Bruder gehört: „Sprich mich bitte nicht an, ich schaue ein Fußballspiel an!“ Weil er unsere Fragen nach mehr Chips und Cola nach ein paar Minuten schon nicht ertragen konnte, verließ er uns zur Halbzeit um den Rest bei seinem Chousin zu sehen :-)
Wenns Tore (für die richtige Mannschaft) gibt, ist es an der Zeit zum Ohren zuhalten. Alle brechen in lautes Geschrei aus, springen vom Sofa, umarmen sich, verschütten Cola und Chips und hängen dann (anstatt aufzuputzen) wie gebannt an der Zeitlupendarstellung, um danach in überreiches Lob für ihr Team zu verfallen und sich Fachsimpeleien hinzugeben. Am schlimmsten sind die aber die Fernseh- Moderatoren, die das Geschehen auf dem Fußballfeld mit ihren klugen Kommentaren begleiten. Sie haben nämlich die unangenehme Angewohnheit, bei einem Tor ca. eine Minute lang „GOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOL!“ zu brüllen. Das ist echt nervig!
Für Samstag habe ich die hierzulande vollkommen innovative Idee eingebracht, ein paar Freunde aus der Gemeinde zum Fußballschauen einzuladen. Am besten wäre es natürlich gewesen, sie zu mir in die Wohnung einzuladen – da könnten wir aber das Spiel mangels Fernsehanschluss nicht sehen. Also treffen wir uns zu zehnt bei den Figueroas. Ich werde SELBSTVERSTÄNDLICH meinem deutschen Team die Stange halten und mit allen Deutschlandartikeln aufkreuzen, die ich zur Verfügung habe. Sollte Argentinien dann tatsächlich gewinnen, kann ich ja immer noch in den folgenden Spielen zu ihnen halten. Und warum sollte ich auch nicht für MEIN Land sein? Dass ich dabei nicht auf die Gefühle von sentimentalen Fußballfanatikern anderer Nationalitäten Rücksicht nehmen kann, werden sie wohl verstehen müssen :-)
Ich bin wirklich schon gespannt wie’s ausgeht! Die Argentinier haben ganz ordentlichen Respekt vor der deutschen Mannschaft. Schließlich standen sie sich schon mehrmals in einer WM gegenüber. Manche flüchten in Schwarzmalereien, andere möchten ihren Rachedurst vom letzten Unterliegen stillen und schweben in 5:0 Illusionen – aber letztendlich bleibt allen nur das Warten, was sich tatsächlich auf dem Rasen abspielt. Ist glaub ich auch ganz gut so :-)
Mit der WM packt mich hin und wieder das Heimweh. Ich hätte wahnsinnig Lust im Kreise meiner Freunde zu einem Public Viewing in irgendeinen Biergarten zu gehen, das bange Warten im Spiel mit einem Radler zu verkürzen, mich mit einem guten Grillhendl oder Steckerlfisch mit Riesenbreze für die überstandenen Mühen zu belohnen und danach noch durch die sommerliche Stadt zu spazieren. Eis essen, in den glasklaren Pullinger Weiher springen, Papas Polo mit Deutschlandfahne siegestriumpfierend hupen zu lassen und mit gutem Gewissen für Deutschland zu jubeln... Das wäre wirklich schön, oder?
Naja, jedenfalls werden wir am Samstag im Hoffen und Bangen für unsere Jungs vereint sein. Ich werde an euch denken – und wenn ihr zum Public Viewing geht: genießt es für mich mit, ok?
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Hi Barbara. Cool endlich mal wieder ein Blogeintrag!! Super !!
AntwortenLöschenIch denke wir hauen die Argentinier 3:1 wech xD
Gruß aus der Heimat!!
Hallo Barbara, 3:1 war nicht schlecht geschätzt vom Horst. Die Stimmung im Olympiastadium war auf alle Fälle ziemlich gut. Danach sind viele Fans noch vor Freude mit Klamotten an in den Olympiasee gehüpft und haben sich mit riesigen Algenklumpen beworfen. Auf der Leopoldstraße wurde auch nicht schlecht gefeiert. Tut mir leid dass die Stimmung bei Euch wahrscheinlich nicht ganz so gut war ;-). Liebe Grüße
AntwortenLöschenGoooooooool für Deutschland! Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
AntwortenLöschenLiebes Schwesterchen, Ich hoffe du bist noch am Leben und wurdest nicht von einer aufgebrachten, weiß-blauen Fußballmeute im Messi- (oder noch schlimmer: Maradona-)Look gelyncht!???
Lasst die Vuvuzelas erschallen - wir haben Argentinien geschlagen! Juhuuuuuu!!!