3. November 2010

Heute im Test: Serviceleistungen des Öffentlichen Dienstes


Jetzt haben wir auch vor der Haustür fließendes Wasser...

Diesen wortwörtlichen Quell der Inspiration nehme ich nun zum Anlass, um einen kleinen Beitrag über die Qualität der Leistungen des öffentlichen Dienstes zu verfassen. Auf dass die Worte fließen, wie das lustige Sprudeln vor meiner Haustür.


Abwassersystem:

Als ich neulich von Cristian abends heim gebracht wurde, hörte ich schon beim Aussteigen aus dem Auto das friedliche Plätschern des überlaufenden Gullideckels. Fast ein romantisches Geräusch, nähme man den zusammen mit dem Abwasser entströmenden Kloakengeruch nicht wahr. Ein solcher Anblick ist in Córdoba keine Seltenheit. Man begegnet immer wieder irgendeinem Wasser auf der Straße, das meistens seinen Ursprung in einem überstrapazierten Kanal hat.
Die Kanalanlagen sind nämlich nur für 20 Familienhäuser pro Straße ausgelegt, in denen jeweils ca. 6 Personen, also im Ganzen 120, duschen, waschen, spülen und aufs Klo gehen. Weil aber seit 2001 ein wahrer Boom im Hochhausbau herrscht, jeden Tag mehr Wohncontainer hochgezogen werden und immer mehr und mehr Leute in der Stadt wohnen möchten, müssen die armen Abwassertunnel jetzt viel mehr aushalten. 15 Hochhäuser à 8 Stockwerke á 4 Wohneinheiten á 3 Personen – wenn wir mal nicht vom Extrem ausgehen und mit moderaten Zahlen rechnen. Das wären dann 1440 Personen, die duschen, waschen, spülen und aufs Klo gehen. Diesen kleinen Unterschied kann das Abwassersystem dann nicht mehr verkraften und leitet alles über-Flüssige geschickt oberirdisch um. Und so kommt es zu dem fröhlichen Gluckern, dass jetzt die Geräuschkulisse meiner Straße bereichert.

Selbstverständlich hat das auch seine unangenehmen Seiten. Vor allem ist da der Geruch. Zur Zeit geht es noch, weil es relativ kühl und ziemlich windig ist. Da vermodert nichts so schnell und der Wind trägt den Geruch davon. Im Sommer werden diese Rohrbrüche dann wohl etwas deftiger riechen. Der ästhetische Makel dieses Freudenquells ist nicht so sehr das Wasser an sich, sondern mehr, was es mit heraufbefördert. Im Umkreis von 2m liegen oft vielsagende weiße Fetzen und braune Klümpchen. Man kann sich vorstellen was da hochkommt.


Brauchwasserversorgung:


Gleichzeitig kommt es vor, dass das Brauchwasser aus der Leitung (Trinkwasser will ich nicht sagen, weil es nicht als Solches zu empfehlen ist) abgestellt wird. Gründe dafür sind natürlich ebenfalls der hohe Wasserkonsum durch die Bevölkerungsdichte, aber auch mangelhaftes Sparbewusstsein, zu wenig oder zu viel Regen, Rohrbrüche, Streiks oder sonstige Kinkerlitzchen. In den kleineren Ortschaften außerhalb der Stadt ist es gang und gäbe Sonntags das Wasser abzustellen. In diesem Fall ist es, glaube ich, wirklich eine Art Wasser zu sparen. Vielleicht die einzige, die Argentinier zu sparsamem Wasserkonsum zu zwingen – dafür haben sie hier nämlich überhaupt kein Bewusstsein.

Manchmal beginnt das Sonntagsröcheln des Wasserhahns aber auch schon früher, Samstagmittag oder Freitagabend. Das ist ärgerlich, weil man sich natürlich nicht darauf einstellen konnte. Gott sei Dank habe ich immer einen 20l-Trinkwasserbehälter und kann so weiterhin kochen, einen 5l-Brauchwassserbehälter und kann weiterhin gießen und einen Spülkasten mit Wasserstop und kann weiterhin die Toilette benutzen UND spülen. Große Vorteile dank weiser Voraussicht, die hier nicht alle haben.

Strom:
Das mit dem Strom war ja eigentlich der Anstoß für die Testreihe. Die zahlreichen Male in denen der Strom abgestellt wird gewöhnen einen mit der Zeit daran, dass es während dem Duschen mal eben dunkel wird, das Radio plötzlich aufhört zu dudeln, der Kühlschrank nicht mehr brummt oder die eben noch in voller Lautstärke wahrnehmbare Fußballsendung aus dem Fernseher des Nachbarn vom entnervten Stöhnen selbigen Nachbars abgelöst wird.

Besonders kritische Momente sind dann, wenn das Klima sehr warm wird und alle gleichzeitig die Klimaanlage anschalten. Dann reicht der Strom nicht mehr für alle und fällt eben aus. Oder –so wie letzten Herbst- es brennt der Generator im Hauptwerk durch weil das Kühlsystem nicht mehr ausreicht. Da steht man dann natürlich auch ohne Strom da, und zwar gleich die ganze Stadt. Oder letztens, als es so stark geregnet hat – da haben die Kabel das Gewitter nicht durchgehalten und mehrere Viertel blieben strom-, licht- und lautlos.

Was das Energiesparen betrifft, herrscht die gleiche Ignoranz wie beim Wasser. Es beschweren sich zwar alle, dass kein Wasser im Stausee ist und ein Wasserkraftwerk den natürlichen Flusslauf hindert. Gleichzeitig brennen aber sämtliche Lichter im ganzen Haus, egal ob jemand den Raum benutzt oder nicht. Es laufen Klimaanlagen und Heizungen bei offenem Fenster, so dass im Winter die Kälte und im Sommer die Hitze trotzdem reinkommt. Das Wasser lässt man laufen, Hahnen tropfen und Spülkästen jedes Mal 20 Liter runterschleusen anstatt sich um Sparmaßnahmen zu bemühen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto einleuchtender scheint mir die Idee, dass Wasser und Strom abgestellt werden um beides zu sparen. Das ist wahrscheinlich wirklich die einzige Möglichkeit, dass beides für ein Weilchen nicht oder weniger konsumiert wird.

Müllabfuhr und Straßenpflege:
Die Müllabfuhr kommt eigentlich recht zuverlässig. Eigentlich jeden Tag, abends um 10. Deshalb bringt man jeden Tag den Müll raus und macht immer gleich viel Müll. Vielleicht liegt es auch gerade an dem täglichen Rausbringen, dass die Leute sich nicht dessen bewusst sind wie viel Müll sie machen. Es ist ziemlich viel.

Aber zurück zur Müllabfuhr: Nur einen Abend in der Woche, am Samstag kommt sie nicht, da hat sie frei. Am Sonntag stapelt sich der Müll natürlich, weil ja alle immer gleich viel Müll machen und dann der Müll von zwei Tagen draußen liegt (und vor sich hin stinkt). Wenn das Müllauto am Sonntag dann wieder eine neue Arbeitswoche beginnt, sieht es sich mit der doppelten Müllmenge konfrontiert, die nicht ins Auto passt und deshalb auf der Strecke, will heißen auf der Straße, bleibt.
Einmal auf der Straße angelangt, machen sich die Straßenhunde mit Heißhunger und Zerstörungswut über die prall gefüllten Plastiktüten her. Es gibt keinen einzigen dünnen Hund in Córdoba, weil sie tagtäglich ein Festmahl im Müll der Bewohner finden. Eine besondere Delikatesse ist die Watte aus Babywindeln, die dann nach beendetem Mahl in Flöckchen vom Wind durch die Straßen getrieben wird und eine nette Ergänzung zum Kloakenquell bildet.

Natürlich ist der Müll, der nicht mehr in der Tüte im Korb, sondern schon auf der Straße liegt, nicht mehr die Zuständigkeit der Müllabfuhr. Dafür hat man –zumindest in Deutschland- die großen orangenen Autos mit rotierenden Bürsten an der Unterseite, die zwar die Autofahrer wegen ihrer Trägheit oft den letzten Nerv kosten, aber mit ihrer Arbeit doch einen wichtigen Beitrag zum Erhalt von Ordnung und Schönheit in der Stadt beitragen. Oder die etwas kleineren orangenen Bürstenfahrzeuge für Gehwege und Fußgängerzonen. Oder die orangenen Männer mit Handkarren und Besen. Hier in Córdoba jedenfalls findet sich kein einziger Vertreter dieser orangenen Aufräumflotte. Nicht, dass es nicht notwendig wäre! Arbeit gibt es wahrlich genug. Aber wahrscheinlich ist es zu teuer, oder zu schnell wieder dreckig. Oder vielleicht gibt es ja auch tatsächlich Angestellte der Stadtverwaltung, die fürs Saubermachen bezahlt werden aber einfach keine Lust zum Saubermachen haben. Kann natürlich auch sein.


Straßenbau und -erhalt:

Die wichtigsten Punkte zu diesem Thema sind schnell genannt: Der Asphalt bröckelt in der ganzen Stadt, es gibt Schlaglöcher so groß wie LKW-Reifen, Mittelstreifen werden gleich gar nicht gezogen oder sind schon längst wieder abgefahren und nie erneuert worden, Zebrastreifen gleichen einer Berg- und Tallandschaft, weil der Teer weder die Hitze noch die Verkehrsmenge aushält und Gehwege müssen vom Hausbesitzer gebaut, erneuert und gepflegt werden (was dieser natürlich nicht tut, weil ja alle drüber laufen und daran schuld sind, dass er kaputt ist). Kurz, es ist ein Trauerspiel.

Ein kleines Detail hat mir allerdings wirklich die Sprache verschlagen. Sowas können nur die Argentinier erfinden, wirklich. Es wird ja niemand überraschen zu hören, dass die Auto- (vor allem Taxi-) und Motorradfahrer tun, was sie wollen. Sie halten sich nur so ungefähr an die Regeln, fahren aber grundsätzlich zu schnell (und zwar deutlich zu schnell, nicht nur ein paar km/h) und setzen in allen möglichen Verkehrssituationen souverän Hupe und Aufblenden ein, um ihren Vorrang auf der Straße zu sichern. Das bringt natürlich ein gewisses Risiko mit sich, vor allem an den zahlreichen Rechts-vor-Links-Kreuzungen ohne Ampeln.
Ein gewitzter Präsident führte daher das System der Ochavas in Argentinien ein. Das heißt, dass die Eckhäuser anstatt einem rechten Winkel eine schräg abgeschnittene Ecke haben. Die Idee hinter dieser Konstruktion ist die bessere Einsicht in die Kreuzung. So kann man schneller sehen wenn aus der anderen Straße ein Motorrad, ein Auto oder ein Pferdekarren kommt und schneller bremsen. Oder schneller und schriller Hupen und Aufblenden. Je nach Temperament.

Was für eine Logik, nicht wahr? Anstatt eines Schildes oder mehr Fahrerdisziplin einfach gesetzlich die Hausecken abscheiden... sowas würde es bei uns nicht geben.

Öffentliche Ämter:
Wer sich in Deutschland über Bürokratie und langsame Beamte beschwert, war noch nicht dem argentinischen Behördensystem ausgesetzt. Als praktisches Beispiel für die Untauglichkeit, Unfreundlichkeit und Langsamkeit der hiesigen Staatsangestellten und ihren Institutionen möchte ich von der Verlängerung meines Visums am Montag berichten.

Mit guter Laune und den besten Absichten stellte ich mich morgens um 07:20 Uhr vor die Tür der Ausländerbehörde Migraciones in Córdoba, wo immerhin schon gute 30 Leute in der Schlange standen. Um 08:05 Uhr kam der erste Beamte zum Dienst, öffnete die Tür und ließ die Massen eintreten – das heißt, so viele wie im Raum Platz hatten. Die Schlange geht nämlich drinnen weiter, weil alle (!!!) an einem (!!!) Schreibtisch angeben müssen was sie möchten und sich einen Termin geben lassen.

Man hat sich also folgendes Bild vorzustellen: Ein argentinischer Beamter an einem kleinen Schreibtischlein mit Stühlchen für den armen Bittsteller, eine Person auf besagtem Stühlchen, ca. 15 weitere Personen dahinter in einer Schlange, dann die Eingangstür der Behörde, weitere 5 Schlangensteher im Eingangsbereich, ein Knick in der Schlange, die Schlange geht draußen weiter und dort auf dem Gehweg in unbarmherziger Frühsommersonne die restlichen 60 Meter Schlange. Und ganz am Ende der Schlange: Ich. Bis ich endlich bei dem Stühlchen vor dem Schreibtisch angekommen war, vergingen 5 (!!!) Stunden. Diese Zeit verbrachte ich stehend auf dem Gehweg vor der Behörde, bzw. die letzte Stunde dann im Vorraum oder „Empfangssaal“. Obwohl, Abfertigungshalle wäre eigentlich ein besseres Wort.

Am Schreibtisch wurde ich um meinen Pass gebeten, woraufhin der Beamte samt Pass für 15 Minuten spur- und wortlos verschwand. Gerade als ich anfangen wollte mir Sorgen um meinen Pass zu machen, tauchte der Beamte wieder auf. Mit ausdruckslos gelangweiltem Gesicht teilte er mir mit, dass ich bei ihm nicht richtig war und im oberen Stockwerk anstehen müsste. Glücklicherweise waren die Kollegen von oben etwas flotter, so dass mir innerhalb einer Stunde dann mein neues Visum ausgestellt wurde. Natürlich nicht ohne vorher noch ein paar Schlangen durchstanden zu haben, aber immerhin konnte ich das Visum noch am gleichen Tag erhalten, an dem ich es beantragt habe. Selbst wenn ich dafür 6 Stunden anstehen musste…


So viel für heute zum Thema öffentlicher Dienst. Ich hoffe ihr könnt euch etwas unter meinen Ausführungen vorstellen, euch über die Umstände amüsieren und vielleicht auch einen dankbaren Blick auf unser schönes Deutschland werfen.


Immer wieder fragen mich die Argentinier, ob es mir hier denn gefällt. Meine Standartantwort ist, dass ich das schöne Wetter sehr genieße. Von diesem Blogeintrag sollten diese Leute wohl lieber nichts erfahren….

6. Oktober 2010

...wie mein Leben so läuft...


Sooo, jetzt wird’s doch schon längst mal wieder Zeit für einen kleinen Bericht. Seit August und dem letzten Blogeintrag ist schon wieder eine ganze Weile vergangen. Ein paar erzählenswerte Dinge haben sich auch ereignet – warum also nicht mal den Blog auf den aktuellsten Stand bringen?



Seit Anfang August bin ich mal wieder Praktikantin. Zum 7. Mal in meinem kurzen Leben – ganz schön viel, oder? Irgendwie kommt man auf diese Rolle aber auch immer wieder zurück und irgendwie ist es auch überall das Gleiche. Man weiß nicht so recht was tun und was lassen, man hat keine eigenen Zuständigkeitsbereiche und wurschtelt halt überall ein bisschen mit, man stellt sich auf die Kollegen und die Umgebung ein, hat aber gleichzeitig im Hinterkopf, dass man eh bald wieder geht. Im Goethe-Institut Córdoba, in dessen Kulturabteilung ich mein Praktikum mache, geht mir das genauso. Nach einigen anfänglichen Eingewöhnungsschwierigkeiten im Büroalltag (für den ich mich noch nie begeistern konnte) fühle ich mich jetzt aber recht wohl dort.
Ich habe ein Projekt übertragen bekommen, dass sich fast wie zufällig und aus dem Nichts zusammengesponnen hat. Es geht darum eine Analyse/Beobachtungsarbeit über die alternativen Wirtschaftsformen in Argentinien zu machen. Dazu habe ich im August viele verschiedene (mehr oder weniger gute) Kongresse besucht und auf einer dieser Tagungen eine argentinische Professorin mit Gastdozentenstatus an der Uni in Weimar kennengelernt. Wir kamen ins Gespräch und aus dem zunächst willkürlichen Kontakt entwickelte sich eine Zusammenarbeit. Anstatt also nur wie ursprünglich geplant ein paar Zeilen für das Institut über hiesige Arbeiterkooperativen zu schreiben bin ich jetzt mit meinem Thema (über die soziale Situation der Arbeiter nach der Wirtschaftskrise 2001) Teil einer multidisziplinären Forschergemeinschaft aus Deutschland und Argentinien, in Zusammenarbeit mit den Universitäten Weimar, Jena und Córdoba. Klingt schon ein bisschen wichtiger, nicht wahr? Für mich ist dieser Rahmen einerseits eine große Hilfe, weil mein bis dahin doch sehr schwammiges Thema begrenzt und in sinnvollen Kontext gesetzt wird. Andererseits, weil diese Kooperation natürlich fachlich viel interessanter ist und außerdem eine gute Referenz für jeden Lebenslauf darstellt.

Bei so viel Arbeit im Goethe-Institut beschränkt sich meine Freizeit natürlich schon deutlich mehr, als ich es aus der ersten Jahreshälfte gewohnt war. Ich muss früher aufstehen (am Anfang war’s echt schwer um acht aus dem Bett zu kommen…), bin nachmittags erst um halb sechs zu Hause und habe ziemlich viele Abendveranstaltungen. Meine Wohnung leidet etwas unter der neuen Zeiteinteilung – jetzt kommt ihr leider nicht mehr so viel liebevolle und zeitaufwändige Pflege zu wie zu Anfang (Sie sieht aber trotzdem noch ganz ok aus, will ich nur vorsichtshalber noch mit erwähnt haben….für alle Zweifler…) Ich bin aber trotzdem sehr zufrieden mit meinem derzeitigen Lebensrhythmus. Alles geht seine geregelten Bahnen, ich bin beschäftigt und ein verträgliches Weilchen pro Tag außer Hauses und im Vergleich zum Wintersemester in Deutschland ist es immer noch Urlaub. Was will man mehr?

Ein weiterer Vorteil am Institut sind die Kollegen. Ich habe zwei ganz nette deutsche Kolleginnen. Die Eine ist ebenfalls Praktikantin und kommt aus Berlin, die Andere arbeitet als Assistentin der Direktorin und kommt aus Dorfen. Verrückt, dass man 12.000 km von daheim entfernt jemand aus dem quasi Nachbardorf kennenlernt, nicht wahr? Ich genieße es, mal wieder mit jemand von daheim zu tun zu haben, deutsch zu sprechen und mit Deutschen in Argentinien über Argentinien zu sprechen. Es ist schön, wenn man nicht erklären muss, warum einem manche Dinge komisch vorkommen und wie diese Dinge bei uns in Deutschland geregelt sind. Ich sage was ich denke oder finde und die anderen beiden wissen, wovon ich spreche. Wie angenehm einfach!
Weil meine Mitpraktikantin Marlene ein sehr sportlicher Mensch ist, hat sie am Goethe-Institut einen wöchentlichen Frauenfußballtermin eingeführt. Letzte Woche hat das Goethe-Fußball zum ersten Mal stattgefunden und soll auf jeden Fall wiederholt werden. Ich konnte letzten Mittwoch leider nicht, möchte aber beim nächsten Mal mit zum Fußball spielen gehen. Ein bisschen Bewegung kann nicht schaden, alle fanden das Spiel sehr lustig und so langsam muss ich ja auch an die Bikinifigur denken ;-) Bei uns wird’s nämlich jetzt bald Sommer!!!!!

Pünktlich zum Frühlingsbeginn wurde mein Gartenbauprojekt im Campo fertig. Mit Cristian zusammen haben wir im August angefangen einen Gemüsegarten anzulegen, der rechtzeitig zum 21. September (=Frühlingsbeginn) umzäunt und besät wurde. Zu meiner großen Freude ist auch tatsächlich schon etwas gewachsen (und nicht von den Vögeln gefressen worden…). Letzten Samstag habe ich mit Genuss mein erstes Kresse-Butterbrot verzehrt. Hoffentlich wächst noch mehr als „nur“ Kresse (die ja nicht gerade die Anspruchsvollste unter den Gemüse- und Kräuterpflanzen ist…) und die Mühe mit dem Boden, dem Zaun, dem Unkraut und dem schlechten Werkzeug der Figueroas hat sich gelohnt.
Meine ganz besondere Liebe gilt meinen zugegebenermaßen schwächlichen Tomatenpflänzchen, die ich mit viel Zuwendung in meiner Wohnung betreue. Die brauchen noch ein Weilchen bis sie stark genug für den Garten sind. Von den gesäten und aufgegangenen 40 Tomaten sind aber leider schon 31 gestorben… Die letzten neun haben nun hoffentlich die kritische Phase überstanden und wachsen brav weiter. Ich mag doch sooo gerne Tomaten….

Wenn ich gerade weder im Goethe-Institut, noch in einer Abendveranstaltung, noch in meinem Gemüsegarten bin, verbringe ich die Zeit mit Cristian und Freunden. Jeden Montag treffen sich die Mädels aus der Gemeinde zum Hauskreis. Sie haben mich sehr herzlich in ihren kleinen Kreis aufgenommen und ich fühle mich wohl dort. Dienstags kommt mein Spanischschüler – ein CEC-Shortie aus Baden-Württemberg mit schwäbischem Akzent. Ich finde es lustig, so weit weg von Deutschland Schwäbisch zu hören. Der Unterricht macht uns beiden viel Spaß und ist immer ein guter Anlass zu einem kleinen Klatsch über interessante Neuigkeiten aus Deutschland. Jetzt wo es wärmer wird, sind alle viel aktiver und wir gehen öfters mal mit Freunden einen Cocktail trinken, Pizza essen, ins Kino oder in Zentrum. Die Leute haben wieder Lust zum Feiern und laden zu Geburtstagen und Hochzeiten ein.
Und so sind wir jedes Wochenende anderweitig beschäftigt. Die Zeit vergeht rasend schnell. Ich muss schon wieder an mein Visum denken, das ja nur noch bis Ende Oktober gilt. Und ich habe meinen Rückflug nach Deutschland gebucht. Am 25. Februar betrete ich – so Gott will – wieder deutschen Boden. Nur noch viereinhalb Monate hier… wie schnell so ein Jahr doch vorbei ist.

So, meine Lieben, das war das Wichtigste in Kürze. Einmal mehr nehme ich mir vor, meinen Blog in Zukunft besser zu pflegen – vielen Dank für eure Geduld. Ein neuer Testbericht ist schon zur Hälfte geschrieben und wartet nur noch auf sein Ende. Den stelle ich bestimmt bald online.
Ich wünsche euch einen schönen, bunten und sonnigen Herbst und freue mich auf Mails, Blogkommentare oder Facebookmeldungen (bin nämlich seit neuestem Facebookmitglied, für alle die’s noch nicht wussten :-) ) Alles Liebe!


September

27. August 2010

Asado und die Schlappe mit dem Toastbrotlappen - Argentinische Kost auf dem Prüfstand


Wie gut oder schlecht das Essen in einem Land ist, bemerkt man gleich auf den ersten Biss. Argentinien konnte bei mir diesbezüglich einen sehr guten ersten Eindruck machen. Als ich im Februar 2009 das erste Mal hier war, wurde ich von Figueroas gleich mit einem Asado und gegrillten Fleischspießchen erwartet. Mir läuft noch heute beim Gedanken daran das Wasser im Munde zusammen. Dabei ist das hochgelobte Asado nur der Hauptrepresentant eines bunten und leckeren Speiseplans, der sich vor allem aus einheimischen Nahrungsmitteln zusammensetzt: Rindfleisch, Hühnchen, Lamm und Zicklein auf der Fleischkarte, Kartoffeln und Mais unter den Beilagen und eine Unmenge an Gemüse jeglicher Art zur Bereicherung jedes Menüs.

Nichtsdestotrotz ist das Asado das Kronjuwel des argentinischen Gourmets. Mit nichts als Salz gewürzt besticht es durch zarten Geschmack und mürbe, auf der Zunge zergehende Konsistenz. Die verschiedenen Fleischstücke werden am Stück zubereitet, soll heißen gegrillt, um dann am Tisch aufgeschnitten und heiß serviert zu werden. Selbstverständlich ist nie alles gleichzeitig fertig, so dass man eine gute Stunde lang damit beschäftigt ist, die frisch angekommenen noch bruzelnden Köstlichkeiten zu vertilgen. Asadokenner trinken dazu einen feinen Wein aus Mendoza und halten sich mit Salaten und Brot zurück, so dass mehr Platz für das Asado an sich bleibt.



Ebenfalls international bekannt und beliebt sind die sogenannten „Empanadas“ (gebackene oder frittierte Teigtaschen mit verschiedenen Füllungen), die auch aus Mexiko bekannten „Fajitas“ oder „Tortillas“ (Maismehlfladen mit verschiedenen Fleisch- und Gemüsefüllungen und Saucen) oder auch das an kalten Wintertagen gut wärmende „Locro“ (schmackhafter Kichererbseneintopf). Ein typisches Essen besteht fast immer aus einer guten Portion saftigen Fleisches (das Angus-Rindfleisch und Patagonien-Schaf ist nicht umsonst für seinen Geschmack berühmt und weltweit exportiert) auf buntem Gemüsebouquet, dazu wird Brot gereicht und im besten Fall trinkt man Wein. Mit einem solchen Gericht kann man nichts falsch machen – wenn die zubereitende Person und Küche sauber sind. Noch ein Wort zur Hygiene: wer sich Sorgen um schlechte Hygienezustände macht ist mit der Bestellung eines Asado am Besten bedient. Da wird alles gut durchgebraten und im Zweifelsfall kann man davon ausgehen, dass des Kochs Ehrgefühl als richtiger Argentinier ihm die Zubereitung eines schlechten Asado verbietet.

Auch das Obstbuffet kann sich sehen lassen. Dank der großen Ausdehnung des Landes gibt es Früchte jeder Art aus eigener Produktion. Birnen, Äpfel, Zwetschen und Trauben aus Mendoza, Pfirsiche, Aprikosen, Nüsse und Feigen aus Córdoba, Erdbeeren, Orangen, Zitronen und Kirschen aus dem Chaco und die ganze Palette von Tropenfrüchten aus Misiones im Norden, wo Argentinien an den subtropischen Urwald angrenzt. Nur die Sauerkirschen vermisse ich hier schmerzlich, wenn ich eine richtige Schwarzwälder Kirschtorte machen will....


Etwas eigenwilliger wird der Speiseplan wenn man sich in Richtung Norden, bzw. Gebiete mit Menschen aus Abstammung der indianischen Urbevölkerung begibt. Mit freundlichem Lächeln aus zahnlosem Mund überreichte man mir dort das „Tamal“, das Cristian mutig bestellt hat. Ein Tamal ist ein Knödel aus Maisschrot mit Fleisch-Zwiebel-Kartoffel-Füllung und wird in den Blättern des Maiskolbens gekocht.


Es schmeckt eigentlich nicht schlecht, allenfalls irgendwie leer mangels Gewürzen. Trotzdem bin ich ganz froh, dass das nicht meine tägliche Ernährung bestimmt...


Halten wir also fest: das typisch argentinische Essen (sagen wir mal ab der Kolonialisierung, um die Indianerkost etwas außen vor zu lassen) ist wirklich gut. Alle Lebensmittel kann man roh und naturbelassen kaufen, um sie dann nach eigenem Gusto zuzubereiten. Davon mache ich gerne Gebrauch und esse wirklich gut – und gar nicht sooo anders als daheim.

Schwieriger wird es mit dem Qualitätsurteil, wenn man sich auf solche Gerichte bezieht, die hier zwar massenhaft angeboten werden, aber eigentlich nicht heimisch sind. Wenn man sich zum Beispiel auf ein gutes (Schweine-)Schnitzel freut, ist die hiesige „Milanesa“ – ein paniertes und totfrittiertes Beafsteak – ein Enttäuschung. Auch die italienische Küche kann nicht mit wirklich italienischen Standarts mithalten. Pizzen werden schon vorgefertigt gekauft (nix mit hausgemachtem Boden!), mit Tomatenscheiben, Oliven, Weichkäse und obendrauf (!) Schinken belegt und einem satten Schuss Olivenöl übergossen. Genauso wie den Pizzen fehlen auch der Pasta die Saucen. Wenn man obendrein so wie ich aus einem Haushalt mit saucenreicher schwäbischer Küche kommt, vermisst man bisweilen eine gewisse feucht-flüssige Komponente auf dem Teller. Trotz allem ist aber auch die Migrantenküche genießbar – nicht so der Fast-Food-Fraß von den Nachbarn in den USA...

Damit wären wir beim kulinarischen Fiasko meines Gastlandes angelangt. Das angebotene Fast-Food ist von den Qualitätsansprüchen halbwegs seriöser Ernährungswissenschaftler, Diätassistenten oder gar Feinschmeckern weit weg. Um nicht zu sagen fernab von Gut und Böse. Trotzdem erfreut es sich einer unglaublichen Nachfrage und antwortet seinerseits mit großem Angebot – eins schlimmer als das Andere.
Mc Donalds und BurgerKing mit ihren internationalen Standarts stellen dabei noch die beste Alternative dar. Die Auswahl ist ziemlich ähnlich wie bei uns. Sogar mein Lieblings-Mäcci-Burger Royal TS wird verkauft - unter dem aussagekräftigen Namen "Mac-nificant".... Die Qualität der zur Herstellung verwendeten Nahrungsmittel ist aber meiner Meinung nach nicht so gut wie bei uns.

Den nächstbesten Platz belegt das "Lomito". Lomitos sind Sandwiches aus hausgemachtem oder Baguettebrot, mit gebratenem Schinken, Beaf, Ei, Salat, Tomate, Saucen und Olive. In Restaurants werden meistens Pommes dazu gereicht. Diese Sandwiches sind ganz ok, in wenigen ausgewählten Lokalen sogar richtig gut. Kein Vergleich zum Rangniedrigsten im Bereich Fast-Food - dem Miga.

Das sogenannte „Miga“ – Sandwich verkörpert den absoluten Worstcase in diesem Sortiment. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Sandwich aus 2mm-dünnem, randlosen Toastbrot, angereichert mit einer Schicht Mayonaise, gekochtem Schinken und Schmelzkäse. Dieses Kleinod schlechten Geschmacks verkauft sich in 30x30cm Lappen, stets zu dreien in Plastiktüten verpackt und ist in jedem gut sortierten Kiosco zu erstehen. Die 270 cm² Miga verzehrt man anschließend kalt und vervollständigt die wertvolle Mahlzeit mit einem halben Liter Cola oder Pepsi.

Wie man meiner Beschreibung vielleicht schon am Unterton entnehmen kann, finde ich diese Art zu essen einfach unmöglich. Es ist schrecklich zu sehen, wie die Leute auf der Straße sich das Miga reinschlabbern – man kann wegen der Konsistenz des Sandwichs fast nicht anders sagen... Manchmal habe ich den Eindruck, dass das ganze Land auf einen Schlag von allen (guten und schlechten) Produkten der reichen Staaten im Nachbarkontinent und der alten Welt überschwemmt wurde. So als hätte man eine riesige Flasche Coca Cola über Lateinamerika vergossen. Umd die Latinos, hungrig nach dem so verlockenden Lebensstil, eifern fleißig dem großen Vorbild nach. Denken, der Wohlstand bestünde darin Cola zu trinken, Miga zu essen, in den ersten beiden Wochen des Monats das ganze Gehalt auszugeben und dann auf Pump zu leben. Das Handbuch zu all diesem „neuen“ Luxus scheint wohl nicht mitgeliefert worden zu sein. Und so verfettet die argentinische Bevölkerung im kopflosen Konsum von Cola, Sandwich, Ketchup und Mayo, Pommes, Muffins und Marshmallows...

Um also zu guter Letzt in wenigen Worten zu meinem Urteil über die hiesige Esskultur, bzw. –möglichkeiten zu kommen, hier eine kurze Zusammenfassung:

1. Asado, Empanadas und Gerichte aus frischen landestypischen Zutaten in einer sauberen Küche zubereitet: sehr lecker! Am besten mit Wein genießen und viel Hunger mitbringen.

2. einfache bis gehobene Migrantenküche: gut, aber nicht so gut wie dort wo sie herkommt, in ausgewählten Lokalen aber durchaus lecker

3. Fast-Food: im Mc Donalds fast das gleiche Angebot wie bei uns, aber mangelhaftere Zutaten, reichhaltige Sandwiches („Lomitos“, Baguettebrot, Beafsteak, Ei, Salat, Tomate, Saucen) kann man essen – in wenigen ausgewählten Lokalen sogar ziemlich gut;

Miga: durchgefallen!!!!!!!!!!!!

8. August 2010

Jujuy


Alles hat eine Ende auf dieser Welt – so auch mein Studentenvisum für Argentinien. Die Erneuerung ist – zumindest in der Theorie – ganz einfach. Entweder im Migrationsamt 300 Pesos bezahlen und den Pass stempeln lassen oder aus- und wieder einreisen. Das war mir persönlich die liebere Variante, wo ich ja in jedem Fall 300 Pesos lassen muss – so oder so. Ich überzeugte also Cristian eine Reise an eine der argentinischen Grenzen zu unternehmen.

Wegen den Schneefällen in den Anden wurde der Pass nach Chile gesperrt, weshalb wir unsere Route nach Bolivien planten. Dort gibts keinen Hochpass, keinen Schnee und keine Gefahr für ungewisse Zeit auf der anderen Seite der Grenze warten zu müssen bis man wieder passieren kann. Wir suchten uns also Busverbindungen und Hostels und mit gepac kten Rucksäcken gings dann am 29. Juli los. Abends um halb neun verließen wir (zusammen mit Cristians Mutter, die schon immer mal den Norden Argentiniens kennenlernen wolle) Córdoba in Richtung San Salvador de Jujuy.

Jujuy liegt im Nordwesten Argentiniens und stößt an Chile und Bolivien. Es ist von den Vorläufergebrigen der Anden bestimmt, die gen Norden hin stetig ansteigen. Im Gegensatz zum subtropischen Nordosten herrscht dort wüstenähnliches Klima. Trockenheit und die Höhe gestalten dort eine eindrucksvolle Steppenlandschaft: Mit verschiedensten Farbvariationen im Gebirgsgestein, interessanten Felsformationen durch Wind und Wasser und einer sehr spezialisierten Flora und Fauna, die sich nur durch ihre hervorragende Anpassung an die extremen Bedingungen am Leben erhalten kann. Nur einmal pro Jahr gibt es Wasser im Überfluss. Dann grünt und blüht alles, es brechen aber auch Stein- und Schlammlawinen los und die Flusstäler, die das ganze Jahr über trocken und gefahrlos waren, verwandeln sich in kräftige Ströme. Tagsüber brennt erbarmungslos die Sonne über den fast schattenlosen Gipfeln und weitgestreckten Hochebenen, während die Temperaturen nachts abfallen und sich mit dem sternübersäten klaren Himmel auch klirrende Kälte ausbreitet. Mit zunehmender Höhe wird auch die Luft immer dünner. Wer hier arbeiten oder sich viel bewegen möchte, braucht starke Lungen und einen kräftigen Kreislauf.

Zunächst machten wir in Purmamarca halt. Schon der Weg dorthin hielt schöne landschaftliche Ansichten bereit. Hinter jeder Kurve änderte sich die Gesteinsfarbe. Es tauchten immer andere Tiere und Häuschen auf und die Straße wand sich mehr und mehr in das aus der Ferne verschlossen wirkende Gebirge. Als wir nach 14 Stunden Busfahrt in Purmamarca ankamen, war ich ziemlich müde. Eigentlich hatte ich geplant im Bus zu schlafen, aber ich wollte die Aussicht nicht verpassen und konnte daher kein Auge zutun. Trotzdem war in Purmamarca dann an Schlaf nicht zu denken – schließlich wollten wir ja die Landschaft und den Ort genießen.

Purmamarca ist ein Touristenmagnet wegen seinem siebenfarbigen Berg, der sich direkt hinter dem Dörfchen erhebt. Neben dem wirklich beeindruckenden Farbspiel der verschiedenen Gesteinschichten rings umher ist die Naturbelassenheit des Dorfes eine Attraktion für sich. Die erdfarbenen, rot bestäubten Häuser schmiegen sich harmonisch in ein Tal zwischen mehreren hohen Gipfeln und scheinen aus längst vergangenen Zeiten übrig geblieben zu sein. Es gibt keinen grell beleuchteten Supermarkt, keine großen Anzeigetafeln vor den Geschäften, keine asphaltierten Straßen, keine Betonmauern, keine modernen Glas-Stahl-Klotz-Bauten und scheinbar keine Einflüsse aus einer anderen Welt als nur der, die schon immer in diesem Tal ihre Heimat hatte. Die Argentinier die dort leben, unterscheiden sich stark von den Bewohnern Córdobas. Man sieht sehr deutlich den indianischen Einfluss in den breiten Gesichtern mit hohen Wangen und pechschwarzem, glattem Haar. Der erste Magnet für uns war der Marktplatz im Dorfzentrum, wo die Einwohner Strickwaren aller Art verkaufen. Kaum aus dem Bus ausgestiegen steht man schon inmitten der bunten überladenen Verkaufstische. Gladys und ich waren fasziniert von den vielen Sachen, die auf großen Tischen ausgebreitet den Touristen das Geld aus der Tasche locken sollten. Pullover, Schals, Mützen, Handschuhe, Tücher, Decken, aus Lama-, Alpaka- und Vicuñawolle, Kästchen und Bilderrahmen aus Kaktusholz, Felle, Lederwaren, Tongeschirr, Silberschmuck,... alles kann man zu Spottpreisen erstehen. Ich konnte ganz gut an mich halten und machte keine Großeinkäufe. Irgendwie sind die Indiomuster und –farben nicht so ganz mein Stil. Gladys hielt sich aber nicht zurück und füllte ihr Reisegepäck mit Wollwaren für die ganze Familie auf. Cristian kaufte nur einen kleinen Vorrat an Cocablättern um bei der Weiterreise über höhere Regionen gegen die Höhenkrankheit gewappnet zu sein.

Abends wollten wir es uns nicht nehmen lassen den Sternenhimmel zu sehen, obwohl es ab Sonnenuntergang schon ziemlich kalt wurde. Wir stiegen also nach dem Abendessen auf einen nahe gelegenen Hügel, um von dort aus die Sterne zu beobachten. Oben angekommen musste ich erstmal kräftig durchschnaufen und meinen Herzschlag wieder normale Frequenzen annehmen lassen. Man merkt bei Anstrengung eben doch, wie einem dort oben schneller die Luft knapp wird. Der Aufstieg lohnte sich aber auf jeden Fall! Wir konnten sechs Sternschnuppen sehen und waren von der Menge und Klarheit der Sterne absolut überwältigt! Ich habe noch nie so einen Sternenhimmel gesehen!

Am Freitagmittag führte unser Weg nach Tilcara. Dort besichtigten wir ein Inkadorf, das aus archäologischen Funden rekonstruiert wurde. Vor Ankunft der Kolonialherren regierten die Inka dort in einem gut organisierten System das sich über ganz Südamerika erstreckte. Als dann die Spanier kamen, hatten die aber vor allem am Gold Interesse und räumten daher die Dörfer und Schatzkammern leer. Obwohl das Pulcara (Inkadorf) als Befestigungsanlage gebaut wurde konnte es den Feuerwaffen, Kanonen und Pocken nicht standhalten und seine Bewohner nicht vor der Invasion schützen. Wir besuchten in einem Blitzdurchgang das Pulcara, das dazugehörige Museum mit den historischen Funden, den einheimischen Markt (der aber eigentlich die gleichen Sachen hatte wie der von Purmamarca) und den botanischen (Kaktus-)Garten. Dann fuhr auch schon der Verbindungsbus nach La Quiaca ab und wir mussten schleunigst zurück zum Busbahnhof. Ich fand es aber gar nicht so schade, dass wir nur so kurz dort waren. In Tilcara ist es voll von Touristen, alles ist teurer und der Ort kann mit dem Charme Purmamarcas nicht mithalten.

Der Weg nach La Quiaca an der argentinisch-bolivianischen Grenze führt über die Hochebene Abra Pampa und steigt langsam aber stetig an. Die Busfahrt war zeitweise eine wahre Herausforderung für Nerven und Magen, weil die unbarmherzige Sonne den Bus je länger desto mehr aufheizte und mit zunehmender Wärme die Gerüche im Bus immer stärker und immer unangenehmer wurden. Es roch nach Schweiß, nach mangelnder Hygiene (darauf scheint man im Norden wohl weniger Acht zu nehmen), nach Coca, Essen und verbrauchter Luft. Wirklich kein Vergnügen, wenn man vier Stunden Fahrt unter diesen Umständen aushalten muss. Die Landschaft war aber überwältigend. Auch dort oben änderten sich immer wieder die Gesteinsfarben, hin und wieder überquerten wir ein Flusstal und anstatt der sonst für Argentinien typischen Rinderherden grasten Lamas die spärliche Vegetation ab.

In der Grenzstadt La Quiaca kamen wir erst nach Sonnenuntergang an und fuhren vom Busbahnhof direkt mit einem Taxi zum Hostel, weil Cristians Mama (die im Gegensatz zu uns während der Busfahrt nicht vorbeugend Coca kauen wollte) plötzlich ziemlich schlecht beieinander war. Ihr war kalt und schlecht, sie hatte Kopfschmerzen, Bluthochdruck und Herzrasen – Höhenkrankheit eben. Im Hostel konnte sie sich dann hinlegen und Cocatee trinken. Cristian und ich machten uns derweil auf um irgendwo ein Abendessen zu finden. Es war gar nicht so einfach, weil die Jujeños alle viel früher ins Bett gehen. Um 21.00 Uhr ist da niemand mehr auf der Straße und alle Lokale geschlossen. Zudem hatte es in dieser Nacht -10° C, so dass auch der letzte Vagabund sich von der Straße zurückzog und wir ziemlich einsam durch die nächtlichen Gassen streiften. Zu guter Letzt ließ sich aber dennoch ein sehr annehmbares Hamburger-Restaurant finden und wir konnten unsere knurrenden Mägen im wahrsten Sinne des Wortes stillen :-)

Am 01. August war es dann tatsächlich so weit – mein Visum lief ab. Deshalb überquerten wir vormittags ohne Schwierigkeiten die bolivianische Grenze ins benachbarte Villazón. Die natürliche Grenze bildet ein brauner, zähfließender Fluss der sich aus Abflussrohren speist und zwischen Müllbergen seinen Weg sucht. Demensprechende Gerüche steigen daraus auch auf. Das war mein erster Eindruck von Bolivien. Dreckig, müllig, stinkend und unfreundlich. Man merkt, dass die Bolivianer die Argentinier nicht leiden können. Und man merkt, dass Bolivien nochmal mindestens eine Entwicklungsstufe hinter Argentinien zurück ist. Mir sind verschiedene Dinge aufgefallen:
- Alle Frauen tragen Röcke, meistens mehrere weite Wollröcke übereinander was sie irgendwie alle dick aussehen lässt. Ich bin nicht schlüssig geworden ob die Bolivianierinnen wirklich alle dick sind, oder nur die Kleidung sie so erscheinen lässt.
- Alles ist dreckig. Gegen die Straßen von Villazón erscheint Córdoba eine vorbildlich aufgeräumte, saubere und gepflegte Stadt, auch wenn sie das nach deutschem Verständnis ganz gewiss nicht ist. Ich war entsetzt von den Müll- und Exkrementhaufen (die Frauen mit den weiten Röcken tragen keine Unterwäsche und verrichten ihr Geschäft auf der Straße sitzend - unter den Röcken verborgen - wo sie es dann einfach liegen lassen. Ist das Werk vollendet, stehen sie auf und gehen weg.) in den Straßen und der Tatsache, dass kein einziger Mülleimer aufgestellt war.
- Alle essen das Gleiche. Es gab getrocknetes Fleisch, ein gekochtes Ei und eine rote Sauce, alles zusammen in einem Plastikschälchen eingepackt. Wirklich jeder dritte Verkäufer hatte so ein Schälchen in der Hand und stopfte sich mit sonnen- und schmutzgebräunten Händen dieses „Frühstück“ in den Mund.

Weil Bolivien keinen besonders guten Eindruck bei mir hinterlassen konnte will ich darüber gar nicht mehr viel weiter schreiben. Bei der Wiedereinreise nach Argentinien erhielt ich den wertvollen Stempel im Pass, der mir drei weitere Monate Aufenthalt erlaubt. Von der Migrationsbehörde an der Grenze mussten wir eilends zum Busbahnhof um unseren Bus zurück nach San Salvador zu erwischen. Glücklicherweise kamen wir noch rechtzeitig an. Die Rückfahrt nach Córdoba nahm ganze 18 Stunden in Kauf, weil wir einmal von der Gendarmerie aufgehalten und kontrolliert wurden. Dafür wurde der ganze Bus ausgeräumt, inklusive Hand- und Reisegepäck. Wegen des Drogenschmuggels werden viele Kontrollen durchgeführt – wir haben es mit einem Stop noch ganz gut erwischt, man kann bis zu viermal aufgehalten werden...

Als wir am 2. August um halb 9 morgens dann endlich wieder in Córdoba angelangt waren, konnten bei mir zunächst gar keine so richtigen Geburtstagsgefühle aufkommen. Ich war ziemlich müde und wollte zunächst nichts anderes als eine Dusche. In La Quiaca konnten wir uns im Hostel nämlich nicht duschen, weil die Wasserleitung eingefroren war. Nachdem ich aber in meiner schönen eigenen Wohnung mit sauberem Bad eine heiße Dusche genommen und allen Reisestaub und –stress abgespült hatte, konnte ich mich wie ein Geburtstagskind fühlen. Ich packte voller Freude die lieben Geburtstagspäckchen von daheim aus (von meiner Oma, meiner Mama und meiner Schwesterin) und musste immer wieder dem Kloß im Hals entgegenschlucken als ich die herzlichen Briefe las. Vielen herzlichen Dank nochmals auch an dieser Stelle – wie schön, dass ihr an mich gedacht habt! Später feierten wir noch ein bisschen mit Cristian und seiner Familie.

Alles in allem war ich abends dann sehr zufrieden mit meinem Geburtstag und natürlich mit der Reise! Gott sei Dank ist uns nichts passiert, nichts verloren oder geklaut worden und wir konnten zu dritt die Zeit sehr genießen. Jetzt überlegen wir schon wohin es dann in drei Monaten gehen soll, wenn mein Visum mal wieder erneuert werden muss ;-)

28. Juli 2010

Warum die MVG gar nicht so schlecht ist... Heute im Test: öffentliche Verkehrsmittel

Wenn wir vom Großteil des Landes Argentinien ausgehen (und Buenos Aires als einzigen Besitzer eines Bahnnetzes zum Nahverkehr mal beiseite lassen) ist die Aufzählung der öffentlichen Verkehrsmittel sehr kurz. Es gibt nämlich nur Busse. Egal, ob man nur ins Zentrum, zum Freunde besuchen an das andere Ende der Stadt, ins Nachbardorf oder an die Landesgrenze gelangen möchte – das Fortbewegungsmittel der Wahl für Nicht-Autobesitzer ist der Bus. El colectivo, auf Spanisch. Von diesen Colectivos gibt es verschiedene Typen. Da sind solche, die lange weite Strecken machen weil sie das ganze Land durchkreuzen („Coche Cama“). Die sind recht bequem, mit komplett horizontal verstellbaren Sitzen, Kissen, Decken und Bordservice ausgestattet. Andere fahren von Stadt zu Stadt oder pendeln zwischen nahegelegenen Orten. Sie sind vergleichbar mit einem gewöhnlichen Reisebus für Schullandheimfahrten („Semi Cama“). Und zuletzt die Stadtbusse, in denen man nur einige Stationen aushalten muss und sie dann ohnehin wieder verlässt. Dementsprechend ungemütlich sind sie auch (Colectivo).

Mit dem Coche Cama war ich schon mehrmals unterwegs und werde mich in diesen Tagen wieder damit auf die Reise machen – diesmal nach Jujuy, an die bolivianische Grenze. Die letzten Male war ich mit Gina in Iguazú und Buenos Aires. Das Reiseticket für das Coche Cama muss man schon im Voraus kaufen. Für eine einfache Reise (Hinweg) legt man dabei schnell mal stolze 200 Pesos auf den Tisch - je nach Strecke natürlich, aber es ist schon immer ein saftiger Preis. Dafür erhält man Mahlzeiten, Getränke und hat eine bequemere Reise als im Flugzeug (außer FirstClass).



Die etwas günstigere Variante des Semi Cama bietet meist keinen BordService. Daher überlegt man sich dreimal, ob man wirklich die 30 Pesos sparen möchte, die man im Coche Cama (mit Service und bequemeren Sitzen) mehr bezahlen müsste. Coche Cama und Semi Cama haben Abfahrtszeiten und fahren jeweils den Busbahnhof des Zielorts an. Das ist ein großer Unterschied zu den Colectivos, die kreuz und quer durch die Stadt gurken und keine festen Abfahrtszeiten haben. Ein Vorteil für die Busfahrer - so kann ihnen niemand vorwerfen sie kämen zu spät... Vielleicht wäre das ja auch eine gute Idee für die MVG? ;-)

Trotz der Fahrpläne der Langstreckenbusse darf man nicht mit deutscher Pünktlichkeit und Genauigkeit rechnen. Bis zu einer halben Stunde Verspätung merkt es keiner, bis zu einer dreiviertelten wundert es niemand und bis zu einer Stunde beschwert man sich nicht. Außerdem sind die Fahrgäste in der Wartezeit gefordert, die richtige Abfahrtsbucht zu finden. Beim Ticketkauf werden nämlich nur ungefähre Angaben darüber gemacht (z.B. zwischen Bucht 23 und 29), so dass man während des Wartens also aufs Genaueste alle ankommenden Busse in diesen Buchten mustert und herausfinden muss ob der eigene Bus schon da ist.

Um mit einem Stadtbus fahren zu können, muss man zunächst die speziellen Münzen („Cospeles“) erstehen, mit denen man im Bus bezahlen kann. Geld nehmen die Busfahrer nicht an. Ein Cospel kostet 2 Pesos. Jede Busfahrt kostet ein Cospel, egal wie lang man im Bus bleibt. Will man mit dem Colectivo von einem Ort an den anderen gelangen, braucht man zunächst einmal einen Busführer und einen Stadtplan um die Strecken darin abzulesen. Einmal die richtige Linie gefunden, begibt man sich zur nächsten Haltestelle dieser Linie. Die Haltestellen sind manchmal, wenn keine Leute dort warten, schwer auszumachen. Sie verfügen nämlich nicht immer über Schilder oder gar Bushäuschen, sondern sind bisweilen nur durch die an einen Baum gesprühte Linienfarbe und –nummer gekennzeichnet. Kommt der richtige Bus herangefahren, so muss man ihn durch Handzeichen aufhalten – andernfalls fährt er weiter. Der Colectivo hält nur, wenn ihm die Zeit dazu reicht und er genügend Platz für neue Fahrgäste hat. Oft ist er so voll, dass er einfach einige Haltestellen überspringt ohne anzuhalten.

Das Cospel gibt man beim Einsteigen dem Busfahrer, der es in ein Kästchen wirft worauf das Ticket gedruckt wird. Um nicht mit einem ganzen Säckchen Cospeles im Geldbeutel unterwegs zu sein kann man auch eine Art Kreditkarte mit Guthaben füllen und diese auf einem Magnetfeld ablesen lassen. Mit dem Ticket in der Hand sucht man sich sodann ein Plätzchen. Die ersten vier Sitze sind für Schwangere, Senioren und Kranke reserviert – danach gibt es freie Platzwahl (sofern noch was frei ist). Sehr zu loben sind da die jungen Männer, die eigentlich immer für ältere Damen aufstehen und bei einem freien Platz den Frauen jedes Alters den Vortritt lassen. Auch beim Einsteigen in den Bus sind sie sehr ritterlich und warten bis die Damen eingestiegen sind, bevor sie sich mit jugendlicher Kraft in den manchmal schon abfahrenden Bus schwingen. Es kommt aber oft genug vor, dass der Bus so dermaßen überfüllt ist, dass man kaum einen Stehplatz darin findet. Die Herausforderung besteht dann darin sich bis zu hinteren Tür (die einzige, durch die man Aussteigen kann) durchzudrängeln und gleichzeitig auf die eigenen Wertsachen aufzupassen. In den vollen Colectivos gibt es nämlich immer wieder Taschendiebe, die das Gedrängel ausnutzen um unbemerkt zu stehlen.

Wegen der großen Menge an Fahrgästen und der vergleichsweise geringen Menge, bzw. schlechtem Service in den Colectivos gibt es ein ganzes Heer von Taxis. Sie zählen schon fast als öffentliche Verkehrsmittel, weil ohne sie der Nahverkehr zusammenbrechen würde. Zwei Typen von Taxis sind auszumachen: grüne (Remis) und gelbe (Taxis). Die Gelben sind dabei zu bevorzugen, weil sie erstens billiger und zweitens sicherer sind. Die Remis haben sich aus einer illegalen Initiative heraus entwickelt, haben kaum staatliche Auflagen und werden oft von zwilichtigen Chauffeurs gesteuert. Die Taxis dagegen sind alle in einem staatlichen System erfasst, haben eine Identifikationsnummer und müssen hunderte von Auflagen erfüllen (z.B. darf der Wagenführer keine Vorstrafen haben). Als alleinreisende Frau ist man also im gelben Taxi besser aufgehoben.

Im Vergleich zu Deutschland sind die Taxis ziemlich günstig, auch wenn sie hier im Preis deutlich von den Colectivos geschlagen werden. Der Anfangspreis sind ca. 3,40 Pesos, danach zahlt man 20 Centavos/ 100m. Das Risiko im Taxi/Remi ist meist der Fahrer selbst. Die deutschen Taxifahrer glauben ja schon sie wären die Einzigen auf der Straße, aber die hiesigen übertreffen sie deutlich darin. Ich habe schon mehrere Beinahe-Herzinfarkte vor Schreck hinter mir, weil der Chauffeur kurzfristig hart bremste, eine rote Ampel überfuhr, gegen die Einbahnstraße lenkte oder scharf an anderen Autos vorbei überholte. Wer schwache Nerven hat sollte also lieber zu Fuß gehen.

Manchmal wenn ich in der Stadt unterwegs bin, auf den Bus warte oder darin fahre, denke ich an die S-Bahn und die Nahverkehrsbusse in Deutschland. Daran, dass ich mich schon oft über 5 Minuten Verspätung beschwert habe, dass mir das Abteil zu voll war, dass ich mich an ein paar Filzstiftkritzeleien gestört habe und mir die Sitze zu schmutzig waren um mich darauf zu setzen. Ich habe von dem Bahnskandal wegen ausgefallener Klimaanlagen gehört und konnte nur den Kopf schütteln, weil mir das alles jetzt so nichtig erscheint in Anbetracht der hiesigen Zustände. Ich glaube, dass ich, wieder zurück in Deutschland, um einiges dankbarer sein werde für Dinge, die ich bislang für selbstverständlich gehalten habe. Wir haben es so schön bei uns – das hat sich mehr als Beschwerden verdient!



VerkehrsmittelPreisServicePünktlichEinfachNutzenKomfortRisikoSchnitt
Colectivo245515mittel3,5
Semi Cama332123niedrig2,25
Coche Cama412122niedrig2
Taxi321111hoch2,13

18. Juli 2010

Die Erleuchtung im Stromausfall

Als ich mich heute morgen in meinem Badezimmer kämmen wollte, stand ich plötzlich im Dunkeln. Stromausfall. Das ist nichts Besonderes und dauert meistens nur wenige Minuten. Daher wunderte ich mich nicht weiter, grunzte nur unwillig und dachte bei mir: „Man gewöhnt sich doch an alles.“



Irgendwie wollte mich dieser Gedanke aber nicht mehr loslassen. Ich überlegte, dass eben dieses ‘Sich daran gewöhnen‘ eigentlich überhaupt nicht zu meiner derzeitigen Mission als Argentinientester passt. Die Gewohnheit macht gewissermaßen blind für das Neue. Sie betäubt, während das Ungewohnte automatisch die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Gewohnheit ist also genau der Gegenspieler des kritischen Blicks - oder macht es zumindest wesentlich schwerer Dinge in Frage zu stellen und genau zu beobachten.

Diese Überlegung hat mich zu dem Schluss kommen lassen eine Testreihe durchzuführen, bei der verschiedene Dinge und Umstände Argentiniens (Córdobas) etwas genauer unter die Lupe genommen werden sollen. Das Essen, die Leute, der Verkehr, die Stadt an sich, öffentliche Einrichtungen, Servicequalitäten, argentinische Charaktereigenschaften, Gewohnheiten, Do's und Don'ts, die Musik, Feiern, Arbeiten, Lebensqualität,... Was mir eben gerade in die Hände/Augen fällt...

Ich lade euch dazu ein, mit mir auf Entdeckungsreise zu gehen und selbst mit kritischem Blick hinzuschauen – auf das was ich schreibe und das dazugehörige Pendant in Deutschland. Möglicherweise habe ich ja schon wesentliche Details aus meiner Heimant vergessen...?! Ergänzungen und Kommentare, sowie Testthemenvorschläge sind natürlich ebenfalls jederzeit willkommen.

Ich werde mich also gleich morgen mit einer Kamera bewaffnen, um meine Behauptungen und Ausführungen auch bildlich unterstreichen und unter Beweis stellen zu können. Ich freue mich schon richtig auf die Tests! Mal sehen, wie Argentinien abschneidet...

Juni/Juli

30. Juni 2010

GOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOL!!!

Der Juni ging für mich wahnsinnig schnell vorbei. Angefangen hat er mit meiner ersten Prüfung in der Uni, argentinisches Sozialmanagment (würg!). Übrigens eine Sache, die hier vorne und hinten nicht funktioniert... Glücklicherweise ist die Klausur sehr gut verlaufen. Ich habe gut bestanden und blicke nun den kommenden Prüfungen (Anfang und Ende Juli) sehr viel zuversichtlicher entgegen.

Und direkt danach war sie auch schon da: die langersehnte Weltmeisterschaft! Das ganze Land fieberte schon Monate lang diesem großen Event entgegen. So als ob bald Weihnachten wäre und alle Erwachsenen (vor allem die Männer!) sich in ungeduldige, hibbelige kleine Kinder verwandeln, die es schon nicht mehr erwarten können bis es endlich endlich losgeht.

Ich war wirklich überrascht von dem WM-Eifer, der sich von Tag zu Tag mehr ausbreitete. An sämtlichen Kreuzungen großer Straßen verkaufen die Scheibenwischerjungs, Rosenanpreiser und Straßenjongleure Argentinientrikots, Plastiktröten, Autofähnchen, Flaggen und „güldene“ Weltmeisterschaftspokale und an jedem der zahlreichen Hochhäuser hängt mindestens eine Argentinienflagge aus einem Fenster. Die Angestellten von Supermärkten und Tankstellen haben sich schon längst in weiß-blaue Clowns mit scheußlichen Klingelfilzhüten verwandelt, während seriösere Geschäfte die Namensschildchen ihrer Kundenbetreuer mit argentinienfarbigen Schleifchen dekorieren. Es wurde sogar ein neues Fußballgeschäft eröffnet, das den bezeichnenden Namen „Der Tempel des Fußballs“ trägt. Jede Fernsehwerbung verfügt über mindestens eins der folgenden Elemente: Fußball, Fußballrasen, Messi, Argentinienflagge, südafrikanische Gesänge. Wirklich unglaublich, dass man damit Autos, Autoreifen, Fernseher, Schuhe, Handys, Cola, Antipilzcreme, Reisen, Versicherungen, Waschmittel oder Joghurt bewerben kann...

Dass die Werbung greift, beweisen aber die Verkaufszahlen. Der Verkauf von Plasmafernsehern ist so stark angestiegen (90.000 allein in Córdoba!!!), dass innerhalb weniger Wochen sämtliche Lagerbestände aufgekauft waren. Dass die stolzen Fernsehbesitzer dafür bis zu 7 Jahre lang ihre 86 Raten abbezahlen scheint sie nicht weiter zu stören. Abgesehen von den Plasmas rührt sich aber in diesen WM-Tagen wenig in der argentinischen Wirtschaft. Während der Spiele ist kaum jemand auf der Straße. Selbst das so beliebte Shoppingcenter bei mir um die Ecke ist leer, wenn die Südafrikaübertragung startet. Die Leute kaufen viel weniger, geben kaum Geld zum Ausgehen aus – weil sie sich ja schließlich kaum aus dem Fernsehsessel erheben – und arbeiten (noch) weniger.
Nach den Spielen beginnen sich die Straßen wieder zu füllen – war es gar ein erfolgreiches Argentinienspiel wird ordentlich in der Fußgängerzone und auf großen Plätzen gefeiert. Mit Bier, Fahnen, selbstverständlich alle im Trikot, Chinaböllern, Sandwich- und Eisbuden und bisweilen sogar einem kleinen Freudenfeuerchen in der Gosse.

Wie das Spiel angeschaut wird, konnte ich bei den Figueroas miterleben. Seltsamerweise gibt es kein Public Viewing. Ich würde das ja hundertmal einem Plasmabildschirm vorziehen, wegen der Größe, der Kostenlosigkeit und vor allem wegen dem Feierfeeling, das doch mit vielen Anderen viel besser ist... Naja, sowas gibts hier nunmal nicht. Daher werden die Spiele im Kreis der Familie auf der heimischen Mattscheibe mitverfolgt. Das tut der Begeisterung und Spannung allerdings keineswegs Abbruch. Den verrücktesten Satz habe ich bei einer solchen Gelegenheit von Cristians Bruder gehört: „Sprich mich bitte nicht an, ich schaue ein Fußballspiel an!“ Weil er unsere Fragen nach mehr Chips und Cola nach ein paar Minuten schon nicht ertragen konnte, verließ er uns zur Halbzeit um den Rest bei seinem Chousin zu sehen :-)
Wenns Tore (für die richtige Mannschaft) gibt, ist es an der Zeit zum Ohren zuhalten. Alle brechen in lautes Geschrei aus, springen vom Sofa, umarmen sich, verschütten Cola und Chips und hängen dann (anstatt aufzuputzen) wie gebannt an der Zeitlupendarstellung, um danach in überreiches Lob für ihr Team zu verfallen und sich Fachsimpeleien hinzugeben. Am schlimmsten sind die aber die Fernseh- Moderatoren, die das Geschehen auf dem Fußballfeld mit ihren klugen Kommentaren begleiten. Sie haben nämlich die unangenehme Angewohnheit, bei einem Tor ca. eine Minute lang „GOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOL!“ zu brüllen. Das ist echt nervig!

Für Samstag habe ich die hierzulande vollkommen innovative Idee eingebracht, ein paar Freunde aus der Gemeinde zum Fußballschauen einzuladen. Am besten wäre es natürlich gewesen, sie zu mir in die Wohnung einzuladen – da könnten wir aber das Spiel mangels Fernsehanschluss nicht sehen. Also treffen wir uns zu zehnt bei den Figueroas. Ich werde SELBSTVERSTÄNDLICH meinem deutschen Team die Stange halten und mit allen Deutschlandartikeln aufkreuzen, die ich zur Verfügung habe. Sollte Argentinien dann tatsächlich gewinnen, kann ich ja immer noch in den folgenden Spielen zu ihnen halten. Und warum sollte ich auch nicht für MEIN Land sein? Dass ich dabei nicht auf die Gefühle von sentimentalen Fußballfanatikern anderer Nationalitäten Rücksicht nehmen kann, werden sie wohl verstehen müssen :-)
Ich bin wirklich schon gespannt wie’s ausgeht! Die Argentinier haben ganz ordentlichen Respekt vor der deutschen Mannschaft. Schließlich standen sie sich schon mehrmals in einer WM gegenüber. Manche flüchten in Schwarzmalereien, andere möchten ihren Rachedurst vom letzten Unterliegen stillen und schweben in 5:0 Illusionen – aber letztendlich bleibt allen nur das Warten, was sich tatsächlich auf dem Rasen abspielt. Ist glaub ich auch ganz gut so :-)

Mit der WM packt mich hin und wieder das Heimweh. Ich hätte wahnsinnig Lust im Kreise meiner Freunde zu einem Public Viewing in irgendeinen Biergarten zu gehen, das bange Warten im Spiel mit einem Radler zu verkürzen, mich mit einem guten Grillhendl oder Steckerlfisch mit Riesenbreze für die überstandenen Mühen zu belohnen und danach noch durch die sommerliche Stadt zu spazieren. Eis essen, in den glasklaren Pullinger Weiher springen, Papas Polo mit Deutschlandfahne siegestriumpfierend hupen zu lassen und mit gutem Gewissen für Deutschland zu jubeln... Das wäre wirklich schön, oder?
Naja, jedenfalls werden wir am Samstag im Hoffen und Bangen für unsere Jungs vereint sein. Ich werde an euch denken – und wenn ihr zum Public Viewing geht: genießt es für mich mit, ok?