3. November 2010

Heute im Test: Serviceleistungen des Öffentlichen Dienstes


Jetzt haben wir auch vor der Haustür fließendes Wasser...

Diesen wortwörtlichen Quell der Inspiration nehme ich nun zum Anlass, um einen kleinen Beitrag über die Qualität der Leistungen des öffentlichen Dienstes zu verfassen. Auf dass die Worte fließen, wie das lustige Sprudeln vor meiner Haustür.


Abwassersystem:

Als ich neulich von Cristian abends heim gebracht wurde, hörte ich schon beim Aussteigen aus dem Auto das friedliche Plätschern des überlaufenden Gullideckels. Fast ein romantisches Geräusch, nähme man den zusammen mit dem Abwasser entströmenden Kloakengeruch nicht wahr. Ein solcher Anblick ist in Córdoba keine Seltenheit. Man begegnet immer wieder irgendeinem Wasser auf der Straße, das meistens seinen Ursprung in einem überstrapazierten Kanal hat.
Die Kanalanlagen sind nämlich nur für 20 Familienhäuser pro Straße ausgelegt, in denen jeweils ca. 6 Personen, also im Ganzen 120, duschen, waschen, spülen und aufs Klo gehen. Weil aber seit 2001 ein wahrer Boom im Hochhausbau herrscht, jeden Tag mehr Wohncontainer hochgezogen werden und immer mehr und mehr Leute in der Stadt wohnen möchten, müssen die armen Abwassertunnel jetzt viel mehr aushalten. 15 Hochhäuser à 8 Stockwerke á 4 Wohneinheiten á 3 Personen – wenn wir mal nicht vom Extrem ausgehen und mit moderaten Zahlen rechnen. Das wären dann 1440 Personen, die duschen, waschen, spülen und aufs Klo gehen. Diesen kleinen Unterschied kann das Abwassersystem dann nicht mehr verkraften und leitet alles über-Flüssige geschickt oberirdisch um. Und so kommt es zu dem fröhlichen Gluckern, dass jetzt die Geräuschkulisse meiner Straße bereichert.

Selbstverständlich hat das auch seine unangenehmen Seiten. Vor allem ist da der Geruch. Zur Zeit geht es noch, weil es relativ kühl und ziemlich windig ist. Da vermodert nichts so schnell und der Wind trägt den Geruch davon. Im Sommer werden diese Rohrbrüche dann wohl etwas deftiger riechen. Der ästhetische Makel dieses Freudenquells ist nicht so sehr das Wasser an sich, sondern mehr, was es mit heraufbefördert. Im Umkreis von 2m liegen oft vielsagende weiße Fetzen und braune Klümpchen. Man kann sich vorstellen was da hochkommt.


Brauchwasserversorgung:


Gleichzeitig kommt es vor, dass das Brauchwasser aus der Leitung (Trinkwasser will ich nicht sagen, weil es nicht als Solches zu empfehlen ist) abgestellt wird. Gründe dafür sind natürlich ebenfalls der hohe Wasserkonsum durch die Bevölkerungsdichte, aber auch mangelhaftes Sparbewusstsein, zu wenig oder zu viel Regen, Rohrbrüche, Streiks oder sonstige Kinkerlitzchen. In den kleineren Ortschaften außerhalb der Stadt ist es gang und gäbe Sonntags das Wasser abzustellen. In diesem Fall ist es, glaube ich, wirklich eine Art Wasser zu sparen. Vielleicht die einzige, die Argentinier zu sparsamem Wasserkonsum zu zwingen – dafür haben sie hier nämlich überhaupt kein Bewusstsein.

Manchmal beginnt das Sonntagsröcheln des Wasserhahns aber auch schon früher, Samstagmittag oder Freitagabend. Das ist ärgerlich, weil man sich natürlich nicht darauf einstellen konnte. Gott sei Dank habe ich immer einen 20l-Trinkwasserbehälter und kann so weiterhin kochen, einen 5l-Brauchwassserbehälter und kann weiterhin gießen und einen Spülkasten mit Wasserstop und kann weiterhin die Toilette benutzen UND spülen. Große Vorteile dank weiser Voraussicht, die hier nicht alle haben.

Strom:
Das mit dem Strom war ja eigentlich der Anstoß für die Testreihe. Die zahlreichen Male in denen der Strom abgestellt wird gewöhnen einen mit der Zeit daran, dass es während dem Duschen mal eben dunkel wird, das Radio plötzlich aufhört zu dudeln, der Kühlschrank nicht mehr brummt oder die eben noch in voller Lautstärke wahrnehmbare Fußballsendung aus dem Fernseher des Nachbarn vom entnervten Stöhnen selbigen Nachbars abgelöst wird.

Besonders kritische Momente sind dann, wenn das Klima sehr warm wird und alle gleichzeitig die Klimaanlage anschalten. Dann reicht der Strom nicht mehr für alle und fällt eben aus. Oder –so wie letzten Herbst- es brennt der Generator im Hauptwerk durch weil das Kühlsystem nicht mehr ausreicht. Da steht man dann natürlich auch ohne Strom da, und zwar gleich die ganze Stadt. Oder letztens, als es so stark geregnet hat – da haben die Kabel das Gewitter nicht durchgehalten und mehrere Viertel blieben strom-, licht- und lautlos.

Was das Energiesparen betrifft, herrscht die gleiche Ignoranz wie beim Wasser. Es beschweren sich zwar alle, dass kein Wasser im Stausee ist und ein Wasserkraftwerk den natürlichen Flusslauf hindert. Gleichzeitig brennen aber sämtliche Lichter im ganzen Haus, egal ob jemand den Raum benutzt oder nicht. Es laufen Klimaanlagen und Heizungen bei offenem Fenster, so dass im Winter die Kälte und im Sommer die Hitze trotzdem reinkommt. Das Wasser lässt man laufen, Hahnen tropfen und Spülkästen jedes Mal 20 Liter runterschleusen anstatt sich um Sparmaßnahmen zu bemühen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto einleuchtender scheint mir die Idee, dass Wasser und Strom abgestellt werden um beides zu sparen. Das ist wahrscheinlich wirklich die einzige Möglichkeit, dass beides für ein Weilchen nicht oder weniger konsumiert wird.

Müllabfuhr und Straßenpflege:
Die Müllabfuhr kommt eigentlich recht zuverlässig. Eigentlich jeden Tag, abends um 10. Deshalb bringt man jeden Tag den Müll raus und macht immer gleich viel Müll. Vielleicht liegt es auch gerade an dem täglichen Rausbringen, dass die Leute sich nicht dessen bewusst sind wie viel Müll sie machen. Es ist ziemlich viel.

Aber zurück zur Müllabfuhr: Nur einen Abend in der Woche, am Samstag kommt sie nicht, da hat sie frei. Am Sonntag stapelt sich der Müll natürlich, weil ja alle immer gleich viel Müll machen und dann der Müll von zwei Tagen draußen liegt (und vor sich hin stinkt). Wenn das Müllauto am Sonntag dann wieder eine neue Arbeitswoche beginnt, sieht es sich mit der doppelten Müllmenge konfrontiert, die nicht ins Auto passt und deshalb auf der Strecke, will heißen auf der Straße, bleibt.
Einmal auf der Straße angelangt, machen sich die Straßenhunde mit Heißhunger und Zerstörungswut über die prall gefüllten Plastiktüten her. Es gibt keinen einzigen dünnen Hund in Córdoba, weil sie tagtäglich ein Festmahl im Müll der Bewohner finden. Eine besondere Delikatesse ist die Watte aus Babywindeln, die dann nach beendetem Mahl in Flöckchen vom Wind durch die Straßen getrieben wird und eine nette Ergänzung zum Kloakenquell bildet.

Natürlich ist der Müll, der nicht mehr in der Tüte im Korb, sondern schon auf der Straße liegt, nicht mehr die Zuständigkeit der Müllabfuhr. Dafür hat man –zumindest in Deutschland- die großen orangenen Autos mit rotierenden Bürsten an der Unterseite, die zwar die Autofahrer wegen ihrer Trägheit oft den letzten Nerv kosten, aber mit ihrer Arbeit doch einen wichtigen Beitrag zum Erhalt von Ordnung und Schönheit in der Stadt beitragen. Oder die etwas kleineren orangenen Bürstenfahrzeuge für Gehwege und Fußgängerzonen. Oder die orangenen Männer mit Handkarren und Besen. Hier in Córdoba jedenfalls findet sich kein einziger Vertreter dieser orangenen Aufräumflotte. Nicht, dass es nicht notwendig wäre! Arbeit gibt es wahrlich genug. Aber wahrscheinlich ist es zu teuer, oder zu schnell wieder dreckig. Oder vielleicht gibt es ja auch tatsächlich Angestellte der Stadtverwaltung, die fürs Saubermachen bezahlt werden aber einfach keine Lust zum Saubermachen haben. Kann natürlich auch sein.


Straßenbau und -erhalt:

Die wichtigsten Punkte zu diesem Thema sind schnell genannt: Der Asphalt bröckelt in der ganzen Stadt, es gibt Schlaglöcher so groß wie LKW-Reifen, Mittelstreifen werden gleich gar nicht gezogen oder sind schon längst wieder abgefahren und nie erneuert worden, Zebrastreifen gleichen einer Berg- und Tallandschaft, weil der Teer weder die Hitze noch die Verkehrsmenge aushält und Gehwege müssen vom Hausbesitzer gebaut, erneuert und gepflegt werden (was dieser natürlich nicht tut, weil ja alle drüber laufen und daran schuld sind, dass er kaputt ist). Kurz, es ist ein Trauerspiel.

Ein kleines Detail hat mir allerdings wirklich die Sprache verschlagen. Sowas können nur die Argentinier erfinden, wirklich. Es wird ja niemand überraschen zu hören, dass die Auto- (vor allem Taxi-) und Motorradfahrer tun, was sie wollen. Sie halten sich nur so ungefähr an die Regeln, fahren aber grundsätzlich zu schnell (und zwar deutlich zu schnell, nicht nur ein paar km/h) und setzen in allen möglichen Verkehrssituationen souverän Hupe und Aufblenden ein, um ihren Vorrang auf der Straße zu sichern. Das bringt natürlich ein gewisses Risiko mit sich, vor allem an den zahlreichen Rechts-vor-Links-Kreuzungen ohne Ampeln.
Ein gewitzter Präsident führte daher das System der Ochavas in Argentinien ein. Das heißt, dass die Eckhäuser anstatt einem rechten Winkel eine schräg abgeschnittene Ecke haben. Die Idee hinter dieser Konstruktion ist die bessere Einsicht in die Kreuzung. So kann man schneller sehen wenn aus der anderen Straße ein Motorrad, ein Auto oder ein Pferdekarren kommt und schneller bremsen. Oder schneller und schriller Hupen und Aufblenden. Je nach Temperament.

Was für eine Logik, nicht wahr? Anstatt eines Schildes oder mehr Fahrerdisziplin einfach gesetzlich die Hausecken abscheiden... sowas würde es bei uns nicht geben.

Öffentliche Ämter:
Wer sich in Deutschland über Bürokratie und langsame Beamte beschwert, war noch nicht dem argentinischen Behördensystem ausgesetzt. Als praktisches Beispiel für die Untauglichkeit, Unfreundlichkeit und Langsamkeit der hiesigen Staatsangestellten und ihren Institutionen möchte ich von der Verlängerung meines Visums am Montag berichten.

Mit guter Laune und den besten Absichten stellte ich mich morgens um 07:20 Uhr vor die Tür der Ausländerbehörde Migraciones in Córdoba, wo immerhin schon gute 30 Leute in der Schlange standen. Um 08:05 Uhr kam der erste Beamte zum Dienst, öffnete die Tür und ließ die Massen eintreten – das heißt, so viele wie im Raum Platz hatten. Die Schlange geht nämlich drinnen weiter, weil alle (!!!) an einem (!!!) Schreibtisch angeben müssen was sie möchten und sich einen Termin geben lassen.

Man hat sich also folgendes Bild vorzustellen: Ein argentinischer Beamter an einem kleinen Schreibtischlein mit Stühlchen für den armen Bittsteller, eine Person auf besagtem Stühlchen, ca. 15 weitere Personen dahinter in einer Schlange, dann die Eingangstür der Behörde, weitere 5 Schlangensteher im Eingangsbereich, ein Knick in der Schlange, die Schlange geht draußen weiter und dort auf dem Gehweg in unbarmherziger Frühsommersonne die restlichen 60 Meter Schlange. Und ganz am Ende der Schlange: Ich. Bis ich endlich bei dem Stühlchen vor dem Schreibtisch angekommen war, vergingen 5 (!!!) Stunden. Diese Zeit verbrachte ich stehend auf dem Gehweg vor der Behörde, bzw. die letzte Stunde dann im Vorraum oder „Empfangssaal“. Obwohl, Abfertigungshalle wäre eigentlich ein besseres Wort.

Am Schreibtisch wurde ich um meinen Pass gebeten, woraufhin der Beamte samt Pass für 15 Minuten spur- und wortlos verschwand. Gerade als ich anfangen wollte mir Sorgen um meinen Pass zu machen, tauchte der Beamte wieder auf. Mit ausdruckslos gelangweiltem Gesicht teilte er mir mit, dass ich bei ihm nicht richtig war und im oberen Stockwerk anstehen müsste. Glücklicherweise waren die Kollegen von oben etwas flotter, so dass mir innerhalb einer Stunde dann mein neues Visum ausgestellt wurde. Natürlich nicht ohne vorher noch ein paar Schlangen durchstanden zu haben, aber immerhin konnte ich das Visum noch am gleichen Tag erhalten, an dem ich es beantragt habe. Selbst wenn ich dafür 6 Stunden anstehen musste…


So viel für heute zum Thema öffentlicher Dienst. Ich hoffe ihr könnt euch etwas unter meinen Ausführungen vorstellen, euch über die Umstände amüsieren und vielleicht auch einen dankbaren Blick auf unser schönes Deutschland werfen.


Immer wieder fragen mich die Argentinier, ob es mir hier denn gefällt. Meine Standartantwort ist, dass ich das schöne Wetter sehr genieße. Von diesem Blogeintrag sollten diese Leute wohl lieber nichts erfahren….

6 Kommentare:

  1. Hab gerade heute so einen kleinen orangenen Gehwegputzer beim Einkaufen getroffen und ihm im Bewusstsein deines Artikels Danke für seine Arbeit gesagt! Er hat sich riiiesig gefreut!

    Danke liebes Schwesterlein, dass du uns die Augen wieder öffnest für das was wir hier schon für selbstverständlich halten! <3

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  2. Ich finde es interessant, wie du dich aufregst, das Service Geld kostet, sollte dir klar sein. Was meinst du warum wir soviel Steuern und Abgaben, hier in Deutschland haben. Städte wie Oberhausen haben schon 100 Millionen Schulden und fahren Ihre Serviceleistungen für die Bürger immer weiter runter. Es wird bald Städte hier geben, wo es genauso sein wird.

    Gruß Klaus

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  3. Hey Klaus!

    Von Aufregen kann ja hier gar nicht die Rede sein. Barbara hat nur die Unterschiede zu unserem Land und der hier schon selbstverständlichen Ordnung aufgezeigt ...

    ... und dass in Oberhausen bald die Gullys überquellen und die streunenden Hunde die Müllsäcke über die Straßen ziehen kann ich mir nicht vorstellen. So etwas macht in Deutschland ein viel zu schlechtes Image - wenn dann wird das Kulturangebot verringert und der Steuerzahler mehr zur Kasse gebeten ...

    Nicht so schwarzmalen... sich an unserem tollen Land erfreuen ... und trotzdem Lust darauf bekommen, mal nach Südamerika zu reisen und Argentinien einen Besuch abzustatten! Dafür ist dieser Blog nämlich (auch) da. ;-)

    Herzliche Grüße.

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  4. Hallo Miriam,

    das sollte kein Urteil über das Land sein, ich finde es interesant was Barbara erzählt.

    In Neapel(Italien) ist es schon so, wann es bei uns sein wird.

    Werden sehen wann....

    Gruß Klaus

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  5. Hallo Klaus und Miriam,

    klar, der Blog ist natürlich nicht da um mich hier über Argentinien aufzuregen und auszutoben (das fände ich auch ziemlich undankbar, schließlich bin ich hier zu Gast!). Es geht, wie Miriam gesagt hat, darum die Unterschiede aufzuzeigen und sich über die ein oder andere Bequemlichkeit unseres schönen Landes wieder zu freuen und dankbarer dafür zu werden.

    Ich glaube auch nicht, dass Deutschland auf ein argentinisches Serviceniveau absinkt. Dafür gibt's bei uns viel zu viele Qualitätsstandarts, Leistungsbeschreibungen, Betriebsaufsichten, doppelte Buchführungen, Gesundheits- und Ordnungsämter, ... Ein Großteil der Missstände im öffentlichen Dienst in Córdoba ist kulturell bedingt, nicht rein wirtschaftlich. Deshalb würde bei uns keine solche Situation zustande kommen, wie ich sie hier tagtäglich erlebe. Im Verlgeich zu Argentiniern (und Nepalesen) haben wir 1. ein anderes Umwelt- und Dienstleistungsbewusstsein und 2. andere Ansprüche, die (neben den Geldleistungen für Service) zusammen dafür sorgen, dass alles ordnungsgemäß funktioniert.

    Und selbst wenn Deutschland eines Tages im Müll versinken sollte: Warum dann nicht einfach -solange es noch nicht so ist- den fleißigen Angestellten des öffentlichen Dienstes für ihre Arbeit Danke sagen???

    Ich finde, Miriam hat damit genau die richtige Schlussfolgerung aus dem Blog gezogen.

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  6. Hallo Barbara,

    vielleicht gibt bei es dir auch jemand den du loben kannst. Vor Weihnachten.

    Gruß Klaus

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