28. Juli 2010

Warum die MVG gar nicht so schlecht ist... Heute im Test: öffentliche Verkehrsmittel

Wenn wir vom Großteil des Landes Argentinien ausgehen (und Buenos Aires als einzigen Besitzer eines Bahnnetzes zum Nahverkehr mal beiseite lassen) ist die Aufzählung der öffentlichen Verkehrsmittel sehr kurz. Es gibt nämlich nur Busse. Egal, ob man nur ins Zentrum, zum Freunde besuchen an das andere Ende der Stadt, ins Nachbardorf oder an die Landesgrenze gelangen möchte – das Fortbewegungsmittel der Wahl für Nicht-Autobesitzer ist der Bus. El colectivo, auf Spanisch. Von diesen Colectivos gibt es verschiedene Typen. Da sind solche, die lange weite Strecken machen weil sie das ganze Land durchkreuzen („Coche Cama“). Die sind recht bequem, mit komplett horizontal verstellbaren Sitzen, Kissen, Decken und Bordservice ausgestattet. Andere fahren von Stadt zu Stadt oder pendeln zwischen nahegelegenen Orten. Sie sind vergleichbar mit einem gewöhnlichen Reisebus für Schullandheimfahrten („Semi Cama“). Und zuletzt die Stadtbusse, in denen man nur einige Stationen aushalten muss und sie dann ohnehin wieder verlässt. Dementsprechend ungemütlich sind sie auch (Colectivo).

Mit dem Coche Cama war ich schon mehrmals unterwegs und werde mich in diesen Tagen wieder damit auf die Reise machen – diesmal nach Jujuy, an die bolivianische Grenze. Die letzten Male war ich mit Gina in Iguazú und Buenos Aires. Das Reiseticket für das Coche Cama muss man schon im Voraus kaufen. Für eine einfache Reise (Hinweg) legt man dabei schnell mal stolze 200 Pesos auf den Tisch - je nach Strecke natürlich, aber es ist schon immer ein saftiger Preis. Dafür erhält man Mahlzeiten, Getränke und hat eine bequemere Reise als im Flugzeug (außer FirstClass).



Die etwas günstigere Variante des Semi Cama bietet meist keinen BordService. Daher überlegt man sich dreimal, ob man wirklich die 30 Pesos sparen möchte, die man im Coche Cama (mit Service und bequemeren Sitzen) mehr bezahlen müsste. Coche Cama und Semi Cama haben Abfahrtszeiten und fahren jeweils den Busbahnhof des Zielorts an. Das ist ein großer Unterschied zu den Colectivos, die kreuz und quer durch die Stadt gurken und keine festen Abfahrtszeiten haben. Ein Vorteil für die Busfahrer - so kann ihnen niemand vorwerfen sie kämen zu spät... Vielleicht wäre das ja auch eine gute Idee für die MVG? ;-)

Trotz der Fahrpläne der Langstreckenbusse darf man nicht mit deutscher Pünktlichkeit und Genauigkeit rechnen. Bis zu einer halben Stunde Verspätung merkt es keiner, bis zu einer dreiviertelten wundert es niemand und bis zu einer Stunde beschwert man sich nicht. Außerdem sind die Fahrgäste in der Wartezeit gefordert, die richtige Abfahrtsbucht zu finden. Beim Ticketkauf werden nämlich nur ungefähre Angaben darüber gemacht (z.B. zwischen Bucht 23 und 29), so dass man während des Wartens also aufs Genaueste alle ankommenden Busse in diesen Buchten mustert und herausfinden muss ob der eigene Bus schon da ist.

Um mit einem Stadtbus fahren zu können, muss man zunächst die speziellen Münzen („Cospeles“) erstehen, mit denen man im Bus bezahlen kann. Geld nehmen die Busfahrer nicht an. Ein Cospel kostet 2 Pesos. Jede Busfahrt kostet ein Cospel, egal wie lang man im Bus bleibt. Will man mit dem Colectivo von einem Ort an den anderen gelangen, braucht man zunächst einmal einen Busführer und einen Stadtplan um die Strecken darin abzulesen. Einmal die richtige Linie gefunden, begibt man sich zur nächsten Haltestelle dieser Linie. Die Haltestellen sind manchmal, wenn keine Leute dort warten, schwer auszumachen. Sie verfügen nämlich nicht immer über Schilder oder gar Bushäuschen, sondern sind bisweilen nur durch die an einen Baum gesprühte Linienfarbe und –nummer gekennzeichnet. Kommt der richtige Bus herangefahren, so muss man ihn durch Handzeichen aufhalten – andernfalls fährt er weiter. Der Colectivo hält nur, wenn ihm die Zeit dazu reicht und er genügend Platz für neue Fahrgäste hat. Oft ist er so voll, dass er einfach einige Haltestellen überspringt ohne anzuhalten.

Das Cospel gibt man beim Einsteigen dem Busfahrer, der es in ein Kästchen wirft worauf das Ticket gedruckt wird. Um nicht mit einem ganzen Säckchen Cospeles im Geldbeutel unterwegs zu sein kann man auch eine Art Kreditkarte mit Guthaben füllen und diese auf einem Magnetfeld ablesen lassen. Mit dem Ticket in der Hand sucht man sich sodann ein Plätzchen. Die ersten vier Sitze sind für Schwangere, Senioren und Kranke reserviert – danach gibt es freie Platzwahl (sofern noch was frei ist). Sehr zu loben sind da die jungen Männer, die eigentlich immer für ältere Damen aufstehen und bei einem freien Platz den Frauen jedes Alters den Vortritt lassen. Auch beim Einsteigen in den Bus sind sie sehr ritterlich und warten bis die Damen eingestiegen sind, bevor sie sich mit jugendlicher Kraft in den manchmal schon abfahrenden Bus schwingen. Es kommt aber oft genug vor, dass der Bus so dermaßen überfüllt ist, dass man kaum einen Stehplatz darin findet. Die Herausforderung besteht dann darin sich bis zu hinteren Tür (die einzige, durch die man Aussteigen kann) durchzudrängeln und gleichzeitig auf die eigenen Wertsachen aufzupassen. In den vollen Colectivos gibt es nämlich immer wieder Taschendiebe, die das Gedrängel ausnutzen um unbemerkt zu stehlen.

Wegen der großen Menge an Fahrgästen und der vergleichsweise geringen Menge, bzw. schlechtem Service in den Colectivos gibt es ein ganzes Heer von Taxis. Sie zählen schon fast als öffentliche Verkehrsmittel, weil ohne sie der Nahverkehr zusammenbrechen würde. Zwei Typen von Taxis sind auszumachen: grüne (Remis) und gelbe (Taxis). Die Gelben sind dabei zu bevorzugen, weil sie erstens billiger und zweitens sicherer sind. Die Remis haben sich aus einer illegalen Initiative heraus entwickelt, haben kaum staatliche Auflagen und werden oft von zwilichtigen Chauffeurs gesteuert. Die Taxis dagegen sind alle in einem staatlichen System erfasst, haben eine Identifikationsnummer und müssen hunderte von Auflagen erfüllen (z.B. darf der Wagenführer keine Vorstrafen haben). Als alleinreisende Frau ist man also im gelben Taxi besser aufgehoben.

Im Vergleich zu Deutschland sind die Taxis ziemlich günstig, auch wenn sie hier im Preis deutlich von den Colectivos geschlagen werden. Der Anfangspreis sind ca. 3,40 Pesos, danach zahlt man 20 Centavos/ 100m. Das Risiko im Taxi/Remi ist meist der Fahrer selbst. Die deutschen Taxifahrer glauben ja schon sie wären die Einzigen auf der Straße, aber die hiesigen übertreffen sie deutlich darin. Ich habe schon mehrere Beinahe-Herzinfarkte vor Schreck hinter mir, weil der Chauffeur kurzfristig hart bremste, eine rote Ampel überfuhr, gegen die Einbahnstraße lenkte oder scharf an anderen Autos vorbei überholte. Wer schwache Nerven hat sollte also lieber zu Fuß gehen.

Manchmal wenn ich in der Stadt unterwegs bin, auf den Bus warte oder darin fahre, denke ich an die S-Bahn und die Nahverkehrsbusse in Deutschland. Daran, dass ich mich schon oft über 5 Minuten Verspätung beschwert habe, dass mir das Abteil zu voll war, dass ich mich an ein paar Filzstiftkritzeleien gestört habe und mir die Sitze zu schmutzig waren um mich darauf zu setzen. Ich habe von dem Bahnskandal wegen ausgefallener Klimaanlagen gehört und konnte nur den Kopf schütteln, weil mir das alles jetzt so nichtig erscheint in Anbetracht der hiesigen Zustände. Ich glaube, dass ich, wieder zurück in Deutschland, um einiges dankbarer sein werde für Dinge, die ich bislang für selbstverständlich gehalten habe. Wir haben es so schön bei uns – das hat sich mehr als Beschwerden verdient!



VerkehrsmittelPreisServicePünktlichEinfachNutzenKomfortRisikoSchnitt
Colectivo245515mittel3,5
Semi Cama332123niedrig2,25
Coche Cama412122niedrig2
Taxi321111hoch2,13

18. Juli 2010

Die Erleuchtung im Stromausfall

Als ich mich heute morgen in meinem Badezimmer kämmen wollte, stand ich plötzlich im Dunkeln. Stromausfall. Das ist nichts Besonderes und dauert meistens nur wenige Minuten. Daher wunderte ich mich nicht weiter, grunzte nur unwillig und dachte bei mir: „Man gewöhnt sich doch an alles.“



Irgendwie wollte mich dieser Gedanke aber nicht mehr loslassen. Ich überlegte, dass eben dieses ‘Sich daran gewöhnen‘ eigentlich überhaupt nicht zu meiner derzeitigen Mission als Argentinientester passt. Die Gewohnheit macht gewissermaßen blind für das Neue. Sie betäubt, während das Ungewohnte automatisch die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Gewohnheit ist also genau der Gegenspieler des kritischen Blicks - oder macht es zumindest wesentlich schwerer Dinge in Frage zu stellen und genau zu beobachten.

Diese Überlegung hat mich zu dem Schluss kommen lassen eine Testreihe durchzuführen, bei der verschiedene Dinge und Umstände Argentiniens (Córdobas) etwas genauer unter die Lupe genommen werden sollen. Das Essen, die Leute, der Verkehr, die Stadt an sich, öffentliche Einrichtungen, Servicequalitäten, argentinische Charaktereigenschaften, Gewohnheiten, Do's und Don'ts, die Musik, Feiern, Arbeiten, Lebensqualität,... Was mir eben gerade in die Hände/Augen fällt...

Ich lade euch dazu ein, mit mir auf Entdeckungsreise zu gehen und selbst mit kritischem Blick hinzuschauen – auf das was ich schreibe und das dazugehörige Pendant in Deutschland. Möglicherweise habe ich ja schon wesentliche Details aus meiner Heimant vergessen...?! Ergänzungen und Kommentare, sowie Testthemenvorschläge sind natürlich ebenfalls jederzeit willkommen.

Ich werde mich also gleich morgen mit einer Kamera bewaffnen, um meine Behauptungen und Ausführungen auch bildlich unterstreichen und unter Beweis stellen zu können. Ich freue mich schon richtig auf die Tests! Mal sehen, wie Argentinien abschneidet...

Juni/Juli

30. Juni 2010

GOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOL!!!

Der Juni ging für mich wahnsinnig schnell vorbei. Angefangen hat er mit meiner ersten Prüfung in der Uni, argentinisches Sozialmanagment (würg!). Übrigens eine Sache, die hier vorne und hinten nicht funktioniert... Glücklicherweise ist die Klausur sehr gut verlaufen. Ich habe gut bestanden und blicke nun den kommenden Prüfungen (Anfang und Ende Juli) sehr viel zuversichtlicher entgegen.

Und direkt danach war sie auch schon da: die langersehnte Weltmeisterschaft! Das ganze Land fieberte schon Monate lang diesem großen Event entgegen. So als ob bald Weihnachten wäre und alle Erwachsenen (vor allem die Männer!) sich in ungeduldige, hibbelige kleine Kinder verwandeln, die es schon nicht mehr erwarten können bis es endlich endlich losgeht.

Ich war wirklich überrascht von dem WM-Eifer, der sich von Tag zu Tag mehr ausbreitete. An sämtlichen Kreuzungen großer Straßen verkaufen die Scheibenwischerjungs, Rosenanpreiser und Straßenjongleure Argentinientrikots, Plastiktröten, Autofähnchen, Flaggen und „güldene“ Weltmeisterschaftspokale und an jedem der zahlreichen Hochhäuser hängt mindestens eine Argentinienflagge aus einem Fenster. Die Angestellten von Supermärkten und Tankstellen haben sich schon längst in weiß-blaue Clowns mit scheußlichen Klingelfilzhüten verwandelt, während seriösere Geschäfte die Namensschildchen ihrer Kundenbetreuer mit argentinienfarbigen Schleifchen dekorieren. Es wurde sogar ein neues Fußballgeschäft eröffnet, das den bezeichnenden Namen „Der Tempel des Fußballs“ trägt. Jede Fernsehwerbung verfügt über mindestens eins der folgenden Elemente: Fußball, Fußballrasen, Messi, Argentinienflagge, südafrikanische Gesänge. Wirklich unglaublich, dass man damit Autos, Autoreifen, Fernseher, Schuhe, Handys, Cola, Antipilzcreme, Reisen, Versicherungen, Waschmittel oder Joghurt bewerben kann...

Dass die Werbung greift, beweisen aber die Verkaufszahlen. Der Verkauf von Plasmafernsehern ist so stark angestiegen (90.000 allein in Córdoba!!!), dass innerhalb weniger Wochen sämtliche Lagerbestände aufgekauft waren. Dass die stolzen Fernsehbesitzer dafür bis zu 7 Jahre lang ihre 86 Raten abbezahlen scheint sie nicht weiter zu stören. Abgesehen von den Plasmas rührt sich aber in diesen WM-Tagen wenig in der argentinischen Wirtschaft. Während der Spiele ist kaum jemand auf der Straße. Selbst das so beliebte Shoppingcenter bei mir um die Ecke ist leer, wenn die Südafrikaübertragung startet. Die Leute kaufen viel weniger, geben kaum Geld zum Ausgehen aus – weil sie sich ja schließlich kaum aus dem Fernsehsessel erheben – und arbeiten (noch) weniger.
Nach den Spielen beginnen sich die Straßen wieder zu füllen – war es gar ein erfolgreiches Argentinienspiel wird ordentlich in der Fußgängerzone und auf großen Plätzen gefeiert. Mit Bier, Fahnen, selbstverständlich alle im Trikot, Chinaböllern, Sandwich- und Eisbuden und bisweilen sogar einem kleinen Freudenfeuerchen in der Gosse.

Wie das Spiel angeschaut wird, konnte ich bei den Figueroas miterleben. Seltsamerweise gibt es kein Public Viewing. Ich würde das ja hundertmal einem Plasmabildschirm vorziehen, wegen der Größe, der Kostenlosigkeit und vor allem wegen dem Feierfeeling, das doch mit vielen Anderen viel besser ist... Naja, sowas gibts hier nunmal nicht. Daher werden die Spiele im Kreis der Familie auf der heimischen Mattscheibe mitverfolgt. Das tut der Begeisterung und Spannung allerdings keineswegs Abbruch. Den verrücktesten Satz habe ich bei einer solchen Gelegenheit von Cristians Bruder gehört: „Sprich mich bitte nicht an, ich schaue ein Fußballspiel an!“ Weil er unsere Fragen nach mehr Chips und Cola nach ein paar Minuten schon nicht ertragen konnte, verließ er uns zur Halbzeit um den Rest bei seinem Chousin zu sehen :-)
Wenns Tore (für die richtige Mannschaft) gibt, ist es an der Zeit zum Ohren zuhalten. Alle brechen in lautes Geschrei aus, springen vom Sofa, umarmen sich, verschütten Cola und Chips und hängen dann (anstatt aufzuputzen) wie gebannt an der Zeitlupendarstellung, um danach in überreiches Lob für ihr Team zu verfallen und sich Fachsimpeleien hinzugeben. Am schlimmsten sind die aber die Fernseh- Moderatoren, die das Geschehen auf dem Fußballfeld mit ihren klugen Kommentaren begleiten. Sie haben nämlich die unangenehme Angewohnheit, bei einem Tor ca. eine Minute lang „GOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOL!“ zu brüllen. Das ist echt nervig!

Für Samstag habe ich die hierzulande vollkommen innovative Idee eingebracht, ein paar Freunde aus der Gemeinde zum Fußballschauen einzuladen. Am besten wäre es natürlich gewesen, sie zu mir in die Wohnung einzuladen – da könnten wir aber das Spiel mangels Fernsehanschluss nicht sehen. Also treffen wir uns zu zehnt bei den Figueroas. Ich werde SELBSTVERSTÄNDLICH meinem deutschen Team die Stange halten und mit allen Deutschlandartikeln aufkreuzen, die ich zur Verfügung habe. Sollte Argentinien dann tatsächlich gewinnen, kann ich ja immer noch in den folgenden Spielen zu ihnen halten. Und warum sollte ich auch nicht für MEIN Land sein? Dass ich dabei nicht auf die Gefühle von sentimentalen Fußballfanatikern anderer Nationalitäten Rücksicht nehmen kann, werden sie wohl verstehen müssen :-)
Ich bin wirklich schon gespannt wie’s ausgeht! Die Argentinier haben ganz ordentlichen Respekt vor der deutschen Mannschaft. Schließlich standen sie sich schon mehrmals in einer WM gegenüber. Manche flüchten in Schwarzmalereien, andere möchten ihren Rachedurst vom letzten Unterliegen stillen und schweben in 5:0 Illusionen – aber letztendlich bleibt allen nur das Warten, was sich tatsächlich auf dem Rasen abspielt. Ist glaub ich auch ganz gut so :-)

Mit der WM packt mich hin und wieder das Heimweh. Ich hätte wahnsinnig Lust im Kreise meiner Freunde zu einem Public Viewing in irgendeinen Biergarten zu gehen, das bange Warten im Spiel mit einem Radler zu verkürzen, mich mit einem guten Grillhendl oder Steckerlfisch mit Riesenbreze für die überstandenen Mühen zu belohnen und danach noch durch die sommerliche Stadt zu spazieren. Eis essen, in den glasklaren Pullinger Weiher springen, Papas Polo mit Deutschlandfahne siegestriumpfierend hupen zu lassen und mit gutem Gewissen für Deutschland zu jubeln... Das wäre wirklich schön, oder?
Naja, jedenfalls werden wir am Samstag im Hoffen und Bangen für unsere Jungs vereint sein. Ich werde an euch denken – und wenn ihr zum Public Viewing geht: genießt es für mich mit, ok?

26. Mai 2010

März, April, Mai – schon drei Monate in Argentinien! In fünf Tagen würde mein Touristenvisum ablaufen. Glücklicherweise hat das mit dem Studentenvisum trotz aller Bürokratie im Migrationsamt funktioniert. Damit ist mein legaler Aufenthalt noch bis 1. August gesichert.

Eigentlich habe ich nicht viel zu berichten, weil ich weder große Abenteuer unternehme, noch meine Lebensumstände sich geändert haben. Mein Alltag plätschert nach wie vor in aller Ruhe und Gemütlichkeit vor sich hin. Ich gehe Montag und Dienstag jeweils drei Stunden in die Uni und habe sonst frei, da sich noch keine Arbeit gefunden hat. Die Wohnung ist mittlerweile in einem ganz guten Zustand, sauberer und ordentlicher als meine Mutter mir in Anbetracht meines Zimmers daheim immer prophezeit hat (vielleicht genau deshalb – ich muss ja schließlich das Gegenteil beweisen ;-) ). Meinen Nachbarn konnte ich immer noch nicht dazu bewegen, dass er sein Versprechen wahr macht, mir das Passwort für sein W-LAN mit exzellentem Empfang in meiner Wohnung zu geben. Daher gibt es auch nach wie vor noch keine Bilder im Blog und ich bin mit meinen Emails im Verzug.

Die meiste meiner vielen Zeit verbringe ich mit Cristian - wenn nicht gerade das 200-jährige Jubiläum und der Nationalfeiertag anstehen, so wie das vergangene Wochenende. Da ist die Polizeikapelle natürlich voll beschäftigt. Sonst haben wir aber viel gemeinsame Zeit, zum Spazieren gehen, Eis essen, ins Kino gehen, Einkäufe machen, Auto richten, musizieren, Deutsch üben, in die Gemeinde gehen, angeln, wandern, ausreiten, Kaffee trinken, und so weiter. Nach dem Jahr, das wir fast nur geskypt oder telefoniert haben, genieße ich die allereinfachsten Sachen die wir zusammen machen können. Eine Fernbeziehung ist halt nicht das Gleiche wie zusammen an Ort und Stelle zu sein...
Auch die Uni zapft einiges an Stunden, obwohl ich nur zwei Fächer habe. Beim studieren merke ich aber, dass bei mir das Spanisch eben doch noch nicht sooo selbstverständlich geht wie das Deutsche.Wir haben ziemlich viele Texte zu lesen, die Ausdrucksweise an der Uni ist eine Andere als im Alltag und es fällt mir schwerer mir Inhalte und Zusammenhänge zu merken die ich auf Spanisch gelernt habe. Irgendwie bleiben die einfach nicht so gut im Kopf, wie wenn ich etwas auf deutsch studiere... In zwei Wochen steht die erste Teilprüfung in Sozialmanagement an – ich hoffe, dass ich bestehe. Meine Professorin hat mir ganz freundlich eine private Fragestunde angeboten, die ich bestimmt in Anspruch nehmen werde.
Auch mein kleiner Haushalt fordert seine Zeit. Ich wohne zwar alleine und mache daher nicht viel Dreck, aber ich will die Wohnung auf keinen Fall zu dem gleichen Saustall verkommen lassen, den meine Vormieter hinterlassen haben. Sie ist spartanisch, aber ausreichend ausgerüstet – hier und da fehlen noch einige komfortable Details, im Großen und Ganzen lebe ich aber sehr gut. Der nächste Luxus, den ich mir anschaffen werde, ist eine neue Matratze (bisher habe ich einen Schaumstofflappen, der mir jede Nacht Rückenschmerzen beschert) und ein Duschvorhang, um nicht bei jeder Dusche das ganze Bad zu fluten.
Was ich hier sehr schätzen gelernt habe, ist die deutsche Küche. Das Essen hier ist zwar gut, aber oft das Gleiche. Es gibt eigentlich immer Mais, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Kürbis und Rindfleisch – auf verschiedene Arten zubereitet und unterschiedlich zusammengestellt, aber doch stets sehr ähnlich. Reis ist eher selten, festes knuspriges Brot unbekannt und von Milchspeisen weit und breit keine Spur. Auch das gute alte Schweinefleisch ist schwerer zu bekommen und taucht folglich weniger auf dem täglichen Speiseplan auf. Umso besser, dass ich jetzt meine eigene Küche und als Ergänzung Omas Kochbuch habe! Ich habe schon mehrere Kuchen, Hefegebäck und Mittagessen für meine Schwiegerfamilie gemacht, die jedesmal ganz begeistert davon waren. Und ich genieße es, ein Stückchen Heimat zwischen die Zähne zu bekommen.

Das ruhige Leben, das ich jetzt habe, ist der absolute Kontrast zum vergangenen Semester mit all seinen To Do’s. Jetzt habe ich Zeit im Überfluss, während ich im November, Dezember und Januar nicht mehr wusste, wie ich die ganze Arbeit innerhalb der Zeit bewältigen sollte. Ohne Zweifel ist es eine sehr angenehme Sache so gemütlich vor sich hinzuleben, fast ohne Verpflichtungen und Termine. Ich merke aber auch, dass mir das Nichtstun nichts taugt und es die absolut sinnvollere Variante ist, über längere Zeit gleichmäßig zu arbeiten, als alles auf einmal und danach nichts mehr zu machen. Obwohl man so länger ohne Pause arbeitet ist es bestimmt gesünder, als von einem Extrem ins Andere zu geraten. Und abgesehen davon merke ich jetzt, dass ich gerne gut beschäftigt bin. Das liegt mir eher als das ruhige Leben mit Siesta, Ausschlafen und Dauerferien.

Die Wochenenden verbringen wir oft in den Bergen. Erst gestern abend sind wir nach einem wunderschönen langen Wochenende (wegen der Nationalfeiertage an Montag und Dienstag) wieder nach Córdoba zurück gekommen. Mit Melanie, Cristians Schwester, waren wir Ausreiten. Cristian hat mich in den Gebrauch des Luftgewehrs eingewiesen und wir machten Zielübungen auf Unkrautfrüchte und Flaschendeckel. Ich ziele gar nicht mal so schlecht! Am Sonntag war der Geburtstag von Cristians Mutter, der natürlich mit einem ordentlichen Asado gefeiert wurde.

Ich war sehr erstaunt von dem schönen Wetter, schließlich sind wir schon im Herbst. Wir konnten den ganzen Tag kurzärmlig draußen sein, barfuß gehen und sogar ein bisschen braun werden. Der Mai hier entspricht unserem November, und im November ist in Deutschland nicht an kurze Ärmel zu denken! Die Sonnentage im Mai sind in Argentinien schon zur festen Redewendung geworden. Daher auch der Name der Strasse, in der ich wohne: Sol de Mayo. Diese Maisonne konnte ich am Wochenende in vollen Zügen geniessen.

Die Wärme hat aber auch ihren Preis, denn wo es warm ist, gibt es auch die entsprechenden Tierchen. Als ich am Montag einen schönen weißen Stein aufhob – glücklicherweise mit der gebührenden Vorsicht – störte ich leider einen Skorpion in seiner Siesta. Er hatte sich genau diesen Stein als Schlafplatz auserkoren und war sehr beleidigt, als er sich plötzlich samt seinem Ruhebett 1,50 m oberhalb der Erde und in der prallen Sonne befand. Er hob den Stachel in Angriffsposition und krabbelte eifrig über den Stein, den ich schnell fallen ließ. Cristian brachte eine Plastikdose mit Deckel, in der wir den ca 2,5 cm großen Skorpion zur Beobachtung einsperrten. Ich bin wirklich froh, den Stein so vorsichtig aufgehoben und genau betrachtet zu haben – die Viecher sind nämlich giftig und können bis zu tödlichen Stichen geben! (http://de.wikipedia.org/wiki/Skorpione) Sie gehören zur Familie der Spinnentiere, von denen es hier auch viele andere Exemplare gibt.
Cristian hatte vor zwei Wochen eine schwarze Witwe im Ärmel (die wir rechtzeitig töteten, bevor sie zustechen konnte) und aus dem Brennholz kam vor einigen Tagen eine Handteller große, behaarte Tarantel gekrabbelt. Auch in meiner Wohnung hatte ich eine achtbeinige Mitbewohnerin von stolzen 4 cm Größe, die aber laut Cristian nicht sooo giftig war. Ich habe sie trotzdem vorsichtshalber gründlich eingegast und mit einem giftgetränkten Lappen das Kabelrohr verschlossen, in das sie sich bei meinem Gasangriff verkrochen hatte. Wenn sie schon nicht tot ist, kann sie wenigstens nicht mehr raus.

Na gut, ich verabschiede mich von euch, um meinen Nachbarn noch vor der Siesta zu erwischen und einmal mehr um sein Passwort zu bitten – würde ihm ja eigentlich auch nutzen, schließlich zahle ich dann die Hälfte seiner Rechnung ... diese Argentinier... Nach wie vor hoffe ich, bald mit Fotos dienen zu können. Eine Schande, wie weit ich im Verzug bin!

30. April 2010

Verliebt, verlobt, verheiratet!

April 2010


... diesen Blogeintrag habe ich nun schon fast zwei Wochen auf dem Rechner, ohne ihn ins Internet stellen zu können. Das Internet bei Figueroas ist derzeit nicht vorhanden und in meiner Wohnung gibt es noch keins – daher die Verspätung von Eintrag und Bildern. Ich bitte vielmals um Entschuldigung und verspreche in Zukunft pünktlicher zu sein...

Ich weiß nicht genau, ob es an der im Durschnitt viel jüngeren Bevölkerung Argentiniens liegt, an der Spontanität der Latinos, an einer erhöhten Pheromone-Produktion durch außergewöhnliche Umwelteinwirkung oder es einfach nur der Zufall ist: Innerhalb der 6 Wochen, die ich mittlerweile in Córdoba bin, fanden im näheren Bekanntenkreis 8 Hochzeiten statt!!! Zu fünf davon wurden wir eingeladen und tatsächlich besucht haben wir nur drei, wegen Terminüberschneidungen und weil es außerdem auch eine ganze Menge Geld bedeutet. Man bezahlt hier nämlich Eintritt für die Hochzeit und bringt natürlich außerdem auch ein Geschenk mit.

Die erste Heirat vollzog sich in einem Städtchen ca. 30 km abseits von Córdoba, die Zweite (Hochzeit von Tabea Ex-Vögelin) in Córdoba und die Dritte (Matthias Vögelin und Juli)wieder außerhalb. Für mich waren vor allem die ersten beiden Hochzeiten ungewöhnlich und sehr verscheiden zur deutschen Art zu heiraten, die mir eher vertraut ist. Damit ihr euch einigermaßen vorstellen könnt, welche Elemente grob eine argentinische Hochzeit bestimmen hier eine allgemeine Einführung.

Üblicherweise beginnt die Feier am späten Nachmittag oder am Abend mit der standesamtlichen Trauung. Dazu finden sich alle Gäste schon dort ein, wo später auch weitergefeiert wird. Weil man davon ausgeht, dass ohnehin alle zu spät kommen wird für ebendieses Einfinden reichlich Zeit eingeplant und der tatsächliche Beginn mit dem Einzug der Braut findet eine gute Stunde später statt, als die Einladung bekannt gibt.

Nach einer recht unspektakulären zivilen Zeremonie, bei der vor allem Rechte und Pflichten der Ehegatten vorgelesen werden und hoffentlich beide dem Vertragsabschluss zustimmen, folgt die krichliche Trauung. Ein Ältester, Pastor oder anderweitig autorisierter Bruder im Herrn hält eine Predigt. Dann geben sich die Brautleute das (freiformulierte) Eheversprechen und stecken sich die Ringe an. Gemeindegesang ist nicht vorgesehen und auch sonstige Einlagen wie Musikstücke oder Lieder gehören schon zum Bonusprogramm.

Direkt anschließend (das heißt, kaum haben sich Braut und Bräutigam von ihren Stühlen erhoben und dem Gästepulk zugewendet) geht es zur Beglückwünschung. Eine Sache, die die Argentinier sehr herzlich und spontan durchführen. Anstatt einer ordentlichen Anstellschlange und Händedruck werden die Brautleute von Menschenmassen umringt, angetippt, hergezogen, stürmisch umarmt und um der unbändigen Freude Ausdruck zu verleihen, kann durchaus auch mal der Bräutigam in die Luft geworfen werden.

Alles in allem dauert dies ca. eine bis zwei Stunden – je nach Redeeifer des Predigers und Beglückwünschungsdrang der Gäste – so dass es mit dem Abendessen spät wird, d.h. ab 22.00 Uhr oder später. Gewöhnlich reicht man einige Häppchen, kalte Platten oder Getränke vorher, damit die Geladenen aushalten bis zum Abendessen. Nach dem Hochzeitsmahl kann der Abend von verschiedenartigem Programm und Musik gestaltet werden und so wird der glückliche Gast gut bis zum Sekt und Tortenanschnitt (und damit der Eröffnung des süßen Buffets mit bappigen Kuchen, in Zuckerwasser getränkten Häppchen und Pralinees aus künstlich schmeckender Schokolade) unterhalten.

Die Feierlichkeit endet üblicherweise in den frühen Morgenstunden mit dem Abschied der Brautleute. Dann lösen sich auch die Gästemengen auf. Erstaunlicherweise halten auch ältere Herrschaften und Kinder ziemlich lange durch – es muss wohl die Gewohnheit zu sein, ich war nämlich bei allen Hochzeiten schon ab 12 ziemlich müde...
Anhand dieser allgemeinen Einführung in argentinische Hochzeitsbräuche kann ich euch jetzt leichter erzählen, wie jede einzelne Hochzeit vonstatten ging.

Die Erste war diejenige, die mir am wenigsten gefiel. Anstatt der üblichen Startzeit um fünf oder sechs Uhr nachmittags begann die qualitativ bescheidene Trauzeremonie nachts um halb elf. Die Ratschläge des Predigers waren meiner Meinung nach fehl am Platze, es wurden zwei Lieder mit Sägestimme vorgetragen und die versammelte Gemeinde wollte einfach nicht zur Ruhe kommen, da zwei Drittel der Leute stehen mussten und die Kinder müde und misslaunig wurden. Das Abendessen ließ ungewöhnlich lange auf sich warten – erst um halb zwei bekamen wir das Hauptgericht vorgesetzt. Möglicherweise war es ganz lecker, ich konnte das Grillhähnchen mit Pommes und Mayonaise um diese Uhrzeit aber nicht wirklich genießen. Neben der Uhrzeit verdarb mir auch ein ca. 65 jähriger Folkloresänger den Appetit, der mit Inbrunst schmachtende Liebeslieder in sein Mikro schmetterte. Außerdem rückte mir mein Sitznachbar (nicht Cristian, der auf der anderen Seite) zu Leibe und näherte sich unter dem Tischtuch mit seinen Knien den meinigen an... grrrrrrrrr!

Als dann zu den Bildern der standesamtlichen Trauung (die in diesem Fall nicht mit dem Gottesdienst zusammen, sondern einen Tag vorher durchgeführt wurde) Elton Johns „Sorry seams to be the hardest word“ erklang, war die Hochzeit für mich untendurch. Weil wir einen langen Heimweg hatten und beide froh um diese Entschuldigung waren um schon früher verschwinden zu können, verließen wir das Restaurant fluchtartig um halb vier. Was für eine Erleichterung, als dieses Fest endlich überstanden war.

Tabea und Misa haben es sehr geschickt angestellt, um an ihrer Hochzeit das Feiern bis in die Nacht und teures Essen für die ganze Hochzeitsgesellschaft zu vermeiden: Sie begann nämlich schon vormittags um 11:00 Uhr. Die Feier fand auf einem schönen Clubgelände mit großzügigem Park statt, in dem ein kleiner Baldachin für die Trauzeremonien aufgebaut war. Bei strahlendem Sonnenschein, blitzeblauem Himmel und angenehmen 25 Grad gaben sich Tabea und Misael das Versprechen fürs Leben. Die beiden Trauungen wurden in einem Rutsch hintereinander durchgeführt und nur vom Liedbeitrag zwei durchaus gesegneter Stimmen getrennt.
Nach Trauung, Reisregen und Glückwünschen ging es ans Mittagessen. Nachdem keine Hochzeitstafel oder festen Sitzplätze vorgesehen waren (für die ca. 300 Gäste gab es ca. 50 Sessel und Bänke) musste auch das Essen gut im Stehen verzehrbar sein. Das Menü bestand aus Semmel mit Mayonaise und Fleisch von gebratener Haxe, dazu Limo oder Cola.

Im Anschluss wurde im großen Saal das Programm vorgeführt. Ein Freund von Misa trat als Clown auf, eine Gruppe sang „ You’ll be in my heart“ (Phil Collins), die Familie zeigte Bilder und Misa hatte zu diesem Anlass mit seinen Freunden ein lustiges Video gedreht das abgespielt wurde. Befreundete Musiker aus der Gemeinde rundeten den Nachmittag mit Folklore ab und gestalteten damit den Rahmen für Kaffee aus Styroporbechern mit Pulvermilch und Keksen, die wieder im Freien eingenommen wurden.
Das Brautpaar verabschiedete sich um 17:30 Uhr, als das Brautauto vorfuhr – ein Oldtimer, scheint wohl Tabeas Traum gewesen zu sein, wenn ich das richtig verstanden habe. Damit endete diese Hochzeit schon sehr früh. Ich fand es schade – eigentlich ist die Hochzeit doch das größte Fest im Leben, oder? Das muss man doch ausnutzen! Aber gut, jeder feiert wie’s ihm gefällt...

Juli und Matthias legten ihr Fest auf den allgemein üblichen Zeitpunkt und fingen um 17.00 Uhr mit der Feier an. Vor der kirchlichen Trauung wurde ein kurzes Video abgespielt, in dem die Beiden vom Beginn ihrer gemeinsamen Geschichte erzählten, danach hielt Thomas Vögelin die Traupredigt. Die Idee vor der Trauung vom Anfang der Beziehung zu erzählen fand ich sehr schön – es macht die Sache irgendwie rund. Alle haben einen kleinen Einblick in die Geschichte, die dem Fest vorausging und es ist doch auch immer interessant, wie sich das Paar kennengelernt hat, nicht wahr?

Nach dem formellen Teil gings ans Essen. Die Vorspeise (kalte Platten und Suppe) wurden im Park gereicht, Essen mit Blick auf See, Musik im Hintergrund und Sonnenuntergang...hmmmmmm!Hauptgang (Asado) und Nachspeise wurden im Saal eingenommen, umrahmt von verschiedenen Programmbeiträgen. Juli spielte ein Stück auf dem Saxophon, Matsi sang ein Lied, ein paar Freunde machten ein Spiel und die Familie Vögelin steuerte Bilder und Schweizer Musik bei. Für meinen Geschmack war diese Hochzeit die Schönste, alles hatte seine Ordnung, seinen Rahmen und die nötige Würde einer Hochzeitsfeier (von den stürmischen Grüßen mal abgesehen). Vor allem durch den Ort der Feierlichkeit konnte Eindruck schinden – direkt am See auf einer Landzunge mit Steilufer, großem gepflegten Park und ansehnlichem Saal. So lässt es sich feiern!

Ich hoffe ich kann bald die Fotos einstellen. Damit alle Damen kritische Urteile über Bräute und Kleider bilden, einige Herren vielleicht die Bräutigämer (ist das die richtige Mehrzahl?) beneiden und alle Weltbereiser sich ein neues Reiseziel stecken können...

bilder april

16. April 2010

Home, sweet Home!


Wie viele von euch wissen, konnte ich bislang bei Cristians Eltern Unterschlupf finden. Ich bin sehr dankbar für die herzliche Aufnahme, die sie mir in ihrem Haus bieten. Trotz der guten Fürsorge und allen Bequemlichkeiten die mir hier geboten werden war es nicht so gedacht, dass ich das ganze Jahr bei den Figueroas wohne. Daher waren Cristian und ich schon ab der zweiten Woche meines Aufenthalts im Viertel unterwegs um eine geeignete Unterkunft für mich zu finden.

Mittlerweile sind fast vier Wochen verstrichen, seit dem ich die Wohnung besichtigt und den Mietvertrag für mein neues Heim unterschrieben habe. Das Appartement ist ca. 40 m² groß und hat auf den ersten Blick einen recht guten Eindruck gemacht. Eine geräumige Wohnküche, ein etwas kleineres aber durchaus ausreichendes Schlafzimmer mit angrenzendem Bad, Einbauwandschrank, Heizkörper, Küchenzeile mit Gasherd, große helle Fenster und eine günstige Miete – was will man mehr?
Leider war mein erster Blick kein besonders Kritischer, so dass ich bei einem zweiten genaueren Hinschauen (nach dem Unterschreiben des Vertrages...) dann so manchen Mangel bemerkte. Aus einem offenen Rohr in der Wand schoss bei geöffnetem Kaltwasserhahn ein Wasserstrahl hervor, Spül- und Waschbecken tropften aus den Rohren, der Herd war vor lauter Rost nicht zu gebrauchen, ein Wasserschaden hinter der Tür hatte den Gips und die Farbe gesprengt, der Durchlauferhitzer schaltete sich zwar an, aber nicht wieder aus, den Holzboden im Schlafzimmer zierte ein großer Fettfleck, die Zimmerdecken hatten vermutlich noch nie einen Maler gesehen und in einem der Fenster war das Glas gebrochen. Zugegebenermaßen war ich bei der Besichtigung nicht argwöhnisch genug, als der Makler sich damit begnügte einen Fensterladen zu öffnen und die Wohnung so im Dämmerlicht zu präsentieren.
Aber dank einem Besuch von Cristians diskussionsfreudigem Vater im Maklerbüro schickte mir die Immobiliengesellschaft nach nur 1 ½ Wochen Wartezeit einen Handwerker, der sich der Mängel annahm während ich aus Leibeskräften die Wohnung putzte. Mit jedem Türchen das ich bewegte und in jeder Ecke, die ich genauer betrachtete fand ich mehr Dreck. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie man eine Wohnung so hinterlassen, aber noch viel weniger wie man darin wohnen kann! Ich würde wirklich sehr gerne die Vormieter sehen und mir ein Bild davon machen können, wer diesen Saustall zu verantworten hat... Meine erste Investition in die Wohnung waren folglich Putzmittel, Chlor, zahlreiche Lappen, Bürsten und Schwämme aller Art, Besen, Eimer, Schrubber, Bodenwachs und Insektengift – für alle Fälle. Bisher habe ich zwar noch keine sechs- bzw. achtbeinigen Mitbewohner gefunden, bevor sie sich aber willkommen fühlen räucherte ich vorsorglich das Appartement mit Gift ein. Man kann ja nie wissen...
Eine weitere Woche nahm das Streichen in Anspruch, da meine lieben Vormieter nach Informationen meiner Nachbarin zufolge bei Nacht gestrichen hatten. Sie müssen wohl auch die Augen zugemacht haben, anders ist nicht zu erklären, dass an manchen Stellen fünfmal und an anderen gar nicht gestrichen wurde und sämtliche Steckdosen, Tür- und Fensterrahmen und Bodenleisten angemalt waren. Ich war sehr froh um Cristians Unterstützung beim Streichen. Zu zweit waren wir vier Tage mit Malern beschäftigt. Ich dachte während des Streichens an die vielen Male, die wir zuhause mit Freunden gemeinsam bei Umzügen geholfen und gestrichen haben und in kürzester Zeit die Arbeit getan war. Es geht doch alles viel schneller und mit mehr Vergnügen von der Hand, wenn man zu mehreren ist...
Nachdem jetzt sämtliche undichten Rohre geflickt, der Herd entrostet, der Boden gefegt geschrubbt gewischt gewachst und gewienert, das Bad gechlort, die Toilette geputzt und mit neuem Sitz versehen, die Fenster ganz und sauber, die Wände gestrichen und alle Gasverbraucher gerichtet sind und ordnungsgemäß funktionieren kann ich endlich ans Einziehen denken. Mein Mobiliar ist noch sehr spartanisch, aber das wird sich mit der Zeit schon noch ändern. Immerhin habe ich Tisch, Bett und Stühle – das reicht zum Schlafen und Essen. Und einmal eingezogen kann ich dann in Ruhe alles zusammen suchen, was ich so zum Leben brauche. Dank zwei lieben Paketen von daheim habe ich sogar eine Kuchenbackform, Kochbuch und eine Spritztülle - also: herzliche Einladung zum Kuchenessen!

Hier die Adresse für alle ernsthaft Interessierten:

Barbara Häusler
Sol de Mayo 284
Torre del sol - Depto 1°A
5003 Córdoba Capital
ARGENTINA

24. März 2010




Die erste Woche in Córdoba habe ich zum Ausruhen, Zeit umstellen und Aklimatisieren genutzt. Übers Wochenende fuhren wir mit Cristians Eltern und der Familie seines Onkels nach Mina Clavero, einer Touristenhochburg ca. 150 km westlich von Córdoba. Während die Familienväter ein neu erworbenes Grundstück dort einzäunten, vergnügten wir uns am Fluss beim Baden. Ich holte mir bei dieser Gelegenheit gleich den ersten Sonnenbrand (obwohl ich eingecremt und den ganzen Tag im Schatten war!!!). Nichtsdestotrotz war es das wert. Was für eine Umstellung – vom Winter mit Schnee und Eis mitten im Sommer gelandet...

Die Woche drauf warteten schon die ersten Behördengänge auf mich. Die Anmeldung in der Universität und die Beantragung eines argentinischen polizeilichen Führungszeugnisses. Das erste, was ich bei dieser Gelegenheit lernte war, dass ich mich in Zukunft nicht mehr über deutsche Behörden beschweren werde. Die Argentinier toppen in Bürokratie, Langsamkeit, Unfreundlichkeit und Inkompetenz. Allein um das Antragsformular für das Führungszeugnis zu beantragen, musste ich eine Stunde warten, neun Blätter ausfüllen, ca. 4 km gehen (ungelogen!!!), mich an zwei verschiedenen Fenstern und weiteren zwei Türen anstellen und 30 Pesos bezahlen. Nicht ohne Stolz kehrte ich an diesem Tag wieder von meinem Behördengang zurück, den ich ganz alleine auf Spanisch gemeistert und alles richtig gemacht hatte. Zumindest hat es bis jetzt den Anschein als wäre alles richtig gewesen – ob ich das Führungszeugnis dann am 31.03. tatsächlich so erhalte wie mir gesagt wurde, bzw. wie ich verstanden habe, ist noch einmal eine andere Frage.

Außerdem fuhren wir übers Wochenende in die Berge, wo Cristians Eltern ein kleines Häuschen in idyllischer Lage mit Pool haben. Wir verbrachten die Zeit mit Baden, Asado und Angeln. Leider haben wir nur kleine Fischchen rausgezogen. Ich hab den größten mit stolzen 9 cm erwischt. Die anderen waren alle kleiner. Laut Cristian kann man sie essen, am Stück, weil sonst nichts übrigbleibt. Am Anfang war es für mich ein sehr komisches Gefühl erst einen Wurm auseinander zu reißen, dann die sich noch ringelnde Hälfte auf einen Haken aufzuspießen und ins Wasser zu werfen, um ihn später mit einem sich verzweifelt windenden Fisch wieder raus zu ziehen. Auch dieser kalte, glitschige Fisch in der Hand, der um Luft ringt und in der Dose noch mit letzter Kraft versucht durch Sprünge ins Wasser zurückzukommen.... Ich habe eine Weile gebraucht um mich daran zu gewöhnen. Später hat es mich dann nicht mehr gestört, aber mein Lieblingssport wird das Angeln wohl nicht werden. Abgesehen davon finde ich die Vorstellung die Fische mit Flossen, Kopf, Innereien und allem drum und dran (und drinn!!!) zu essen nicht gerade appetitanregend. Naja, wenigstens haben Fische kein kuschelig weiches warmes Fell und mitleiderregende große braune Augen mit langen Wimpern, sondern nur starre Glotzaugen und Schuppen. Das macht die Sache um einiges leichter.